Prolog – Wo selbst das Licht stirbt
„Man erzählt sich, dass die Erde sich an jene erinnert, die in ihren Tiefen sterben.
Sie bewahrt ihre Namen in den Felsen.
Ihre Schreie im Wasser.
Und ihre letzten Gedanken in den Schatten.
Doch manchmal steigen die Toten nicht auf.
Manchmal wartet etwas anderes dort unten.
Etwas, das niemals tot war.“
Tief unter den zerfallenen Hallen der Wellen-Echo-Höhle wandelte die Silberne Schar an einem Ort, den längst niemand mehr hätte betreten sollen.
Sie waren gekommen, um Antworten zu finden.
Doch je tiefer sie vordrangen, desto deutlicher wurde, dass die Höhle selbst ihnen Fragen stellte.
Fragen aus Stein.
Fragen aus Blut.
Und schließlich eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gab:
Wie weit bist du bereit zu gehen, wenn der Weg zurück längst verschwunden ist?
I. Das Grab aus Stein
Es begann mit Stille.
Nicht mit der friedlichen Stille eines verlassenen Ortes, sondern mit jener Stille, die entsteht, wenn Tonnen von Gestein über Menschen hinwegdonnern und die Welt für einen Augenblick aufhört zu existieren.
Staub hing schwer in der Luft.
Fackellicht flackerte über zerborstene Steine.
Die Silberne Schar war eingeschlossen.
Kein Weg zurück.
Der westliche Gang war unter den Trümmern verschwunden. Der Einsturz hatte den Fels so dicht ineinandergeschoben, dass selbst die Hoffnung kaum einen Spalt gefunden hätte.
Nocturne musste schließlich eingestehen, dass er eine Falle übersehen hatte.
Eine seltene Demütigung für einen Mann, der sich gewöhnlich durch Schatten bewegte, als gehörten sie ihm.
Ein wenig Galgenhumor blieb.
Und vielleicht war das gut so.
Denn solange noch jemand lachen konnte, war die Dunkelheit noch nicht vollständig Herr über sie.
II. Der Stein, der Angelus verschlang
Die südliche Tür schien der einzige Ausweg.
Angelus trat vor.
Wie so oft war es der Paladin, der den ersten Schritt machte.
Nicht weil er leichtsinnig war.
Sondern weil jemand den ersten Schritt machen musste.
Das Schicksal belohnte seinen Mut mit einem herabstürzenden Felsbrocken.
Der Stein traf.
Angelus verschwand darunter.
Für einen Moment glaubte die Silberne Schar, die Höhle hätte ihr erstes Opfer gefordert.
Dann bewegte sich der Stein.
Moss Cunningham trat vor.
Barfuß, staubbedeckt und mit jener stoischen Gelassenheit, die nur ein Mann besitzen konnte, der offensichtlich andere Maßstäbe für Schmerz hatte als gewöhnliche Menschen.
Gemeinsam mit Nocturne befreite er Angelus.
Der Paladin erhob sich.
Verletzt?
Nein.
Demütig?
Vielleicht.
Doch hinter diesem ersten Hindernis wartete bereits das nächste.
Ein gewaltiger Felsblock versperrte den Gang.
Nur ein schmaler Spalt blieb.
Dahinter schimmerte das grünliche Licht unterirdischer Pilze.
Ein Ausgang.
Vielleicht.
Doch nur ein Gnom hätte durch die Öffnung gepasst.
Und selbst für Tibidabo war der Weg zu eng.
III. Das Lied im Dunkel
Sie suchten nach Möglichkeiten.
Tibidabos unzerbrechlicher Stab wurde zum möglichen Hebel.
Magie wurde erwogen.
Kraft.
List.
Doch der Stein blieb.
Also tat Maeron das, was er am besten konnte.
Er sang.
Seine Stimme erfüllte die Kammer.
Sie glitt über den Stein, durch die Ritzen und hinauf in die Dunkelheit.
Ein Lied gegen die Angst.
Ein Lied gegen das Gefühl, lebendig begraben worden zu sein.
Ein Lied über jene, die fallen und dennoch wieder aufstehen.
Und als die letzte Note verklang, kam eine Antwort.
Eine Stimme aus der Dunkelheit.
Annie.
Sie war frei.
Nicht eingeschlossen.
Doch auch ihre Wege waren durch den Einsturz blockiert. Sie konnte die Silberne Schar nicht erreichen, und die Silberne Schar konnte nicht zu ihr gelangen.
Für einen Moment war ihre Stimme Hoffnung.
Dann wurde sie zur Erinnerung daran, wie allein sie tatsächlich waren.
Niemand würde kommen.
Kein Rettungstrupp.
Keine Verstärkung.
Keine Hand, die den Stein für sie bewegte.
Nur sie selbst.
IV. Der Wille gegen den Berg
Am nächsten Tag begannen sie erneut.
Nicht mit Hoffnung.
Mit Entschlossenheit.
Der unzerbrechliche Stab wurde zum Hebel.
Das Brecheisen grub sich in Spalten.
Magische Kraft zerrte an dem Fels.
Maerons Stimme gab den anderen den Rhythmus.
Stunde um Stunde kämpften sie gegen etwas, das keine Angst kannte, keinen Schmerz und keine Erschöpfung.
Den Berg.
Dann kam die Erkenntnis.
Nicht schieben.
Ziehen.
Der Stein bewegte sich.
Ein Knirschen ging durch den Fels.
Dann ein tiefes Grollen.
Der Block rutschte.
Und plötzlich war dort wieder Dunkelheit, wo zuvor Stein gewesen war.
Der Weg war frei.
Doch was dahinter lag, war schlimmer als das Gefängnis.
V. Das ertrunkene Herz
Der südliche Teil der Höhle war zerstört.
Das Wasserrad lag gebrochen in den Fluten.
Wasser schoss ungebändigt durch die unterirdischen Gänge.
Geröll bedeckte einst vertraute Wege.
Der See glitzerte im kalten Fackelschein.
Es wirkte nicht mehr wie eine Höhle.
Es wirkte wie ein Ort, den etwas verwundet hatte.
Und die Wunde blutete noch immer.
Die Silberne Schar wandte sich nach Norden.
Dort war die Luft anders.
Kälter.
Schwerer.
Als würde die Höhle selbst den Atem anhalten.
VI. Die Erinnerung im Feuer
Je näher sie dem nördlichen Gang kamen, desto stärker veränderte sich die Wahrnehmung.
Die Wände verschwanden.
Für Tibidabo wurde die Vergangenheit zur Gegenwart.
Flammen.
Asche.
Ein Dorf.
Menschen, die flohen.
Schritte im nassen Gras.
Zuerst langsam.
Dann schneller.
Etwas war geschehen.
Etwas, das Tibidabo kannte.
Etwas, das er nicht vergessen hatte.
Als die Vision endete, blieb nur die Stille.
Die anderen sahen einen erschöpften Gnom.
Doch sie wussten nicht, was er gesehen hatte.
Und vielleicht war es besser so.
Denn manche Erinnerungen sind keine Geschichten.
Sie sind Wunden.
VII. Xargul
Dann kam er.
Xargul.
Der Prinz der Rabenkönigin.
Er trat aus Rauch und Schatten, Rabenfedern an seiner Rüstung, seine Gestalt kaum mehr als ein schwarzer Riss in der Wirklichkeit.
Seine Stimme war ruhig.
Viel zu ruhig.
„Ihr seht nur den nächsten Schritt.“
„Wir sehen das Ende.“
Er sprach von der Rabenkönigin.
Vom Stab der Spinne.
Von seinem bevorstehenden Zerbrechen.
Von einem Helden, dessen Tod bereits in den Schatten geschrieben sein sollte.
Er verlangte das Schwert.
Er verlangte den Hammer.
Doch die Antwort der Silbernen Schar war einfach:
Sie würden nicht mit Bösewichten handeln.
Xargul widersprach nicht.
Er wartete.
Eine halbe Stunde lang.
Dann begann sein Körper zu zerfallen.
Nicht wie ein sterbender Mann.
Wie Rauch.
Wie ein Schatten, der sich erinnerte, dass er niemals wirklich dort gewesen war.
Xargul verschwand.
Doch seine Worte blieben.
„Wir sehen das Ende.“
VIII. Der Abgrund
Nocturne ging voraus.
Ein Schatten unter Schatten.
Er spürte etwas, das nach seinem Geist griff.
Eine fremde Macht.
Eine Präsenz.
Etwas, das nicht körperlich war und dennoch stark genug, um einen Willen zu brechen.
Nocturne widersetzte sich.
Hinter dieser unsichtbaren Barriere lag eine Brücke.
Feuchter Stein.
Ein schwarzer Fluss.
Und darunter eine Tiefe, die jedes Licht verschluckte.
Er kehrte zurück.
Knapp.
Aber lebendig.
Und manchmal ist das alles, was zählt.
IX. Das Versprechen am Seil
Dann bemerkten sie die anderen.
Dunkelelfen.
Oder zumindest etwas, das wie Dunkelelfen aussah.
Nocturne erkannte, dass jemand durch die Schatten schlich.
Sie wussten nicht, wer sie waren.
Nicht Xargul.
Nicht die Feinde, die sie bereits kannten.
Eine weitere Macht bewegte sich durch die Dunkelheit.
Die Gruppe konnte nicht wissen, wie viele Augen sie beobachteten.
Also banden sie ein Seil um Nocturnes Hüfte.
Ein einfaches Stück Hanf.
Mehr nicht.
Doch es bedeutete etwas.
Wenn du fällst, holen wir dich zurück.
Das war ihr Schwur.
Nicht gegenüber Göttern.
Nicht gegenüber Königen.
Gegenüber einander.
X. Der Sprung über die Dunkelheit
Eine Schlucht trennte die Helden.
Fünfzehn Fuß.
Fünfzehn Fuß tiefe Dunkelheit.
Nocturne kletterte hinauf.
Finger gruben sich in Fels.
Füße suchten Halt.
Das Seil spannte sich.
Schließlich erreichte er die andere Seite und befestigte es.
Einer nach dem anderen folgte.
Doch bevor die Gruppe weiterziehen konnte, offenbarte sich eine weitere Täuschung.
Der vermeintliche Dunkelelf war ein Doppelgänger gewesen.
Ein Wesen, das sich eingeschlichen hatte.
Nocturne hatte es entdeckt.
Und beseitigt.
Die Nachricht brachte er mit derselben Ruhe vor, mit der andere Menschen verkündeten, dass sie gerade eine Tür geöffnet hatten.
XI. Feuer unter dem Plateau
Spinnennetze bedeckten das Plateau.
Überall glommen rote Augen.
Hunderte kleine Kreaturen warteten in der Dunkelheit.
Dann kam das Feuer.
Die Netze entzündeten sich.
Flammen liefen über das Plateau.
Ein schrilles Quietschen erfüllte die Höhle.
Die Spinnen flohen.
Die Dunkelheit wich zurück.
Doch sie wich nur, um etwas anderem Platz zu machen.
Etwas Größerem.
Etwas, das bereits auf sie wartete.
XII. Nezznar
In den Ruinen einer alten Zwergenhalle stand er.
Nezznar.
Der Drow trug schwarze Lederrüstung.
In seiner Hand hielt er den Stab der Spinne.
Schwarzes Ebenholz.
Violettes Licht.
Ein Pulsieren wie das Herz eines Wesens, das niemals hätte geboren werden dürfen.
Über der Feuerstelle hing eine Riesenspinne.
Ihre Augen glühten.
Ihre Beine bewegten sich langsam.
Geduldig.
Hungrig.
Am Tisch saßen Bugbears.
Staub bedeckte ihre Hände.
Sie hatten offenbar versucht, den Boden zu reinigen.
Eine beinahe lächerliche Szene.
Wenn nicht überall der Geruch des Todes gelegen hätte.
XIII. Worte vor dem Blut
Der erste Versuch, sich anzuschleichen, scheiterte.
Ein Geräusch.
Ein Sturz.
Dann Stille.
Nezznar wusste, dass sie da waren.
Doch statt sofort anzugreifen, begann ein Gespräch.
Die Silberne Schar verhandelte.
Nezznar wollte den Hammer.
Die Schmiede war tot.
Der Antrieb fehlte.
Und seine Spinne?
Sie bekam keinen Namen.
„Beute bekommt keine Namen.“
Die Helden gewannen Zeit.
Sie beobachteten.
Positionierten sich.
Warteten.
Und während sie redeten, bemerkten sie etwas.
Eine gewaltige Zwergenstatue.
Und in ihrer Nähe die Ahnung eines Geheimnisses.
Der Hammer war nicht einfach ein Werkzeug.
Er war Teil von etwas Größerem.
XIV. Feuer
Dann endeten die Verhandlungen.
Ein Feuerball zerriss die Halle.
Die Welt wurde weiß.
Dann rot.
Dann schwarz.
Angelus wurde von den Flammen verschlungen.
Nocturne stürzte rauchend zu Boden.
Annie antwortete mit ihrem eigenen Feuer.
Ihr Feuerschild flammte auf.
Tibbers erschien.
Ein brüllendes Ungeheuer aus Flammen.
Die Riesenspinne wurde angegriffen.
Die Halle verwandelte sich in ein Inferno.
Und irgendwo zwischen Rauch und brennendem Stein begann Nocturne um sein Leben zu kämpfen.
XV. Der Paladin im Feuer
Angelus lag am Boden.
Dann erschien Licht.
Heiliges Licht.
Seine Hand fand den gefallenen Gefährten.
Lay on Hands.
Leben kehrte zurück.
Angelus erhob sich.
Und schlug zu.
Seine Klinge traf die Riesenspinne.
Heilige Energie explodierte.
Noch ein Schlag.
Dann sein Schild.
Die Bestie stürzte zu Boden.
Acht Beine schlugen gegen den Stein.
Doch Nezznar war noch da.
XVI. Der Mönch
Moss bewegte sich.
Keine Worte.
Nur Bewegung.
Seine Fäuste kamen wie ein Gewitter.
Dann flog ein Bolzen.
Moss fing ihn.
Deflect Missiles.
Einen Augenblick später flog die Waffe zurück.
Der Angreifer fiel.
Doch in der Halle tobte weiterhin das Feuer.
XVII. Der Fall und die Rückkehr
Nocturne lag im Staub.
Sein Atem war kaum noch zu hören.
Maeron erreichte ihn.
Ein Rest von Leben wurde zurückgegeben.
Nocturne öffnete die Augen.
Er stand wieder auf.
Zerschunden.
Blutend.
Aber lebendig.
Die Silberne Schar hatte ihn noch nicht verloren.
Und sie würde ihn nicht verlieren.
XVIII. Der Einsturz
Dann begann die Halle zu sterben.
Ein Einsturz donnerte durch das Gewölbe.
Stein stürzte herab.
Staub verschlang die Kämpfenden.
Nezznar verschwand unter den Trümmern.
Ein Spinnenschwarm wurde begraben.
Nur ein Arm ragte noch aus dem Schutt.
Tibbers war ebenfalls unter den Steinen begraben worden und musste sich freikämpfen.
Angelus erhob seinen Schild.
Ein gewaltiger Angriff prallte dagegen.
Das Schild hielt.
Das Gift nicht.
Doch die Riesenspinne fiel.
Endlich.
XIX. Der Schatten an der Decke
Die Helden glaubten, Nezznar sei gefallen.
Dann kam der Frost.
Ray of Frost.
Von oben.
Nezznar.
Unsichtbar.
Kopfüber an der Decke.
Er war nicht tot.
Er hatte gewartet.
Ein Feuerball raste in seine vermutete Richtung.
Nichts.
Dann Maerons Stimme:
„Er ist am Eingang!“
Moss stürmte los.
Seine Fäuste trafen.
Angelus folgte.
Seine Klinge durchbrach die Verteidigung des Drow.
Heiliges Licht explodierte in der Dunkelheit.
Nezznar taumelte.
Aber er fiel nicht.
Noch nicht.
XX. Der zerbrochene Stab
Dann hob Annie die Hand.
Feuer sammelte sich.
Die Halle wurde taghell.
Der Feuerball raste durch die Dunkelheit.
Die Explosion verschlang den Kampfplatz.
Und dann geschah etwas, das selbst Nezznar nicht verhindern konnte.
Der Stab der Spinne zerbrach.
Ein scharfes Knacken.
Laut genug, um durch die gesamte Halle zu hallen.
Der violette Schein erlosch.
Für einen Herzschlag war alles still.
Dann kam die Dunkelheit zurück.
Doch sie war nicht mehr dieselbe.
Die Schatten bewegten sich.
Ein kalter Wind strich durch die Ruinen.
Irgendwo tief unter ihnen antwortete etwas.
Etwas, das den Namen der Rabenkönigin kannte.
Etwas, das vielleicht schon die ganze Zeit gewartet hatte.
Die Silberne Schar hatte Nezznar getroffen.
Sie hatte den Stab zerstört.
Sie hatte überlebt.
Doch niemand in dieser Halle wusste, welchen Preis dieser Sieg noch fordern würde.
Denn der Stab war nicht nur eine Waffe gewesen.
Er war ein Schlüssel.
Und nun war er zerbrochen.
Der erste Teil des Kampfes war vorbei.
Der eigentliche Krieg hatte gerade erst begonnen.


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