Azaerith

Vor 27 Jahren entschloss ich mich dazu, aus meiner Heimat bzw. besser gesagt, von meiner Mutter zu flüchten. Aber alles der Reihe nach.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, was ich als erstes sah. Unzählige Magmafontänen, eine Bergkette die mit Lavaströmen durchzogen war und unterhalb von mir eine rot-schwarze Schlucht, die anscheint keinen Boden besaß. Auf einem Balkon war ich und neben mir saß meine Mutter, Arthremath. Es war mir sofort bewusst, das es meine Mutter war, nichts anderes hätte Sinn ergeben. Aber wo ich genau war, wusste ich nicht.

„Das, mein Kind, ist der Blutgraben. Unser Haus mag nicht das höchste sein, das niedrigste sind wir definitiv nicht. Dieser Anblick, der dir gerade gebührt, erhält nur der Adel. Nicht mehr weit ist es, bis auch der Hochadel unser ist!“ sagte sie zu mir und schaute mich dabei an.

Eine Frau, die eine absolut perfekte und reine Haut besaß, nicht der kleinste vorstellbare Makel war zu sehen. Rotglühende Augen, pechschwarzes langes Haare und Hörner, die von einem Widder stammen könnten. Spitze und längere Zähne säumten den Mund, violette volle Lippen und kleine Ohrringe rundeten das Gesicht ab. Dämonisch aussehende, teilweise zerfledderte Flügel sprosssen aus ihrem Rücken hervor. Auch der Rest der Körpers war makellos. Menschen, insbesondere die Männlichen würden alles erdenkliche tun um auch nur einen Blick auf meine Mutter werfen zu können. Sehr knapp war sie angezogen, im Grunde war es ein Hauch von Nichts. Nichtsdestotrotz passte es zu ihr.

„Irgendwann, wenn du groß genug bist und auch mit deinen Kräften umgehen kannst, sollst auch du deine Aufgaben bekommen. Zuvor musst du jedoch noch üben und lernen.“

So begann es auch, das ich den Großteil des Tages lernen musste. Die Kunde von der Magie, Religion, Sprachen, wie auch der Umgang mit den Waffen und Rüstungen war mein Tageswerk. Ebenso die mir innewohnenden Kräfte, das ich einfache Geister überreden konnte, musste ich lernen. Es mag sich leicht anhören, jedoch waren die Strafen, wenn ich nur irgendwas falsch machte oder etwas nicht zur Zufriedenheit meiner Mutter geschah, willkürlich und hart.

Irgendwann bemerkte ich, es muss schon eine längere Zeit vergangen sein, da auch mein Körper sich langsam aber sicher immer mehr entwickelte und weiblicher aussah, begehrte ich gegen meine Mutter auf. Es gefiel mir nicht, Tag ein, Tag aus die Sklaven zu foltern oder gar hinzurichten, wenn ich einen Fehler beging.
Natürlich gefiel dies meiner Mutter nicht und so waren die Strafen die ich erhielt, nur noch drakonischer. Nicht nur das mein Körper und Geist missbraucht wurde, so wurde ich in der Nacht häufig zu den Sklaven mit in die Zellen gesteckt. Anfangs waren die Sklaven noch argwöhnisch und ich hatte meine Ruhe. Irgendwann verstanden sie allerdings, dass ich alleine und außerhalb des Schutzes meiner Mutter war. Somit musste ich mich auch hier meiner Haut erwehren.

Ich weiß nicht wann es war, Zeit spielt in Kiaraschnaleeh immerhin keine große Bedeutung, insbesondere da Sklaven kommen und gehen, jung und greis zu gleich, allerdings war mir dies alles zu viel. Da ich dem Adel des Blutgrabens angehörte, stand es auch mir zu, zumindest offiziell, Portale zu anderen Welten zu nutzen. Natürlich nicht alleine und nicht ohne die Zustimmung meiner Mutter, aber an einem mir unbekannten Datum scherte ich mich nicht um die Regeln.

An dem mir unbekannten Datum nutze ich die mir inne wohnende Möglichkeit mich in einen Menschen zu verwandeln und schlich mich in eine Gesandtschaft von Händlern. Es waren allesamt Menschen, die angeblich von Faerûn, Toril kommen sollten. Ein bisschen was davon wusste ich bereits, da meine Mutter mich in die Lehren des Multiversums unterrichtete. Nicht viel, aber dadurch wusste ich zumindest, das es unterschiedliche Existenzebenen gibt. Nun versteckt unter den Händler konnte ich entkommen, nämlich in die Zentilfeste.

In der Zentilfeste verbrachte ich ein paar Jahre und es fiel auch nicht groß auf, das ich ein Dämon war. Die Dämonen gingen teilweise ein und aus in der Feste. Jedoch fiel meine Abwesenheit in meiner Heimat auf. Dies bekam ich nur mit, da die Kommandantschaft von der Zentilfeste irgendwann besuch von einem Balor bekam, welcher nach mir suchte. Bevor ich gefunden und erwischt werden konnte, floh ich aus der Feste. Ich wusste zwar so gut wie nichts über Faerûn, aber es war mir doch lieber, als wieder zu meiner Mutter zurück zu müssen.

Die Wildnis um den Mondsee war nicht sonderlich friedvoll. Vielleicht lag es auch an meiner Person, auf die das Wildleben mit Abscheu und Angst reagierte. Zumindest war es schwer zu überleben. Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen ist, allerdings überwand ich mich irgendwann, in der Gestalt einer jungen Frau, mich einem Bauernhof zu nähern. Dieser Hof lag nur kurz außerhalb von Phlan, welches wieder östlich von der Zentilfeste beheimatet war. Mit der zerschundenen Kleidung, meinen Verletzungen und meinem können im Überreden war es mir ein leichtes, die Familie des Hofes zu überzeugen, das ich keine Gefahr für sie war. Zum Glück wussten sie nichts von meinem wahren Aussehen.

So lebte ich dann eine Zeit lang bei ihnen und lernte, dass in Phlan ein Tempel des Gottes Tyr sein soll. Tyr soll, soweit ich mich erinnern konnte, eine große Gottheit der Gerechtigkeit sein.

Nachdem ich mich bei der Bauernfamilie verdingte, beschloss ich, mich auf nach Phlan zu machen um dort den Tempel von Tyr aufzusuchen. Vielleicht konnte ich dort lernen, ein neues Leben beginnen und der Menschheit und anderen Rassen helfen. Mein vorheriges Leben war durch die den Sklaven angedeihten Qualen soweit schlecht und bösartig geworden, das meine Mutter mir lehrte, auch wenn es unfreiwillig ihrerseits war, das es viel einfacher und schöner ist, zusammen zu leben als nur für sich selbst.

Angekommen im Tempel von Tyr, welcher sich Die Wartehalle schimpfte, wurde ich freundlich empfangen. Der Tempel gewährte mir Obdach und Verpflegung. Irgendwann durfte ich sogar, warum, weiß ich nicht, im Tempel mit aushelfen. Auch dies war alles nicht leicht, da ich meine Verwandlung als junge Frau aufrecht erhalten musste.
Nach einigen Jahren war es dann soweit, dass ein hochrangiger Paladin und Klerus des Tyrs mich besuchten. Sie baten mich zu einer Unterredung. Bei dieser Unterredung fiel auch meine Maskerade, ich konnte nichts dagegen machen. Der Klerus nutzte eine mir unbekannte Magie, die selbst das Amulett, welches ich von meiner Mutter stahl, bezwang. Mit dem Amulett war es mir bisher vergönnt gewesen, mein Wesen und meine Gesinnung von der Öffentlichkeit zu verbergen. Zu all meiner Angst, weil mittlerweile wusste ich, das Dämonen absolut verhasst sind in den allermeisten Teilen von Faerûn und die Zentilfeste eine der wenigen Ausnahmen war, sprachen mir der Klerus und Paladin gut zu. Ihnen war schon länger bekannt, das ich etwas war, was kein Mensch gewesen ist. Da ich allerdings von Anfang an mich um die Gesellschaft kümmerte, um den Tempel, um die Lehren von Tyr und kaum bis keine Böswilligkeit in mir trug, vertrauten sie mir. Genau dies war es auch, dass sie mir anboten, mich entweder als Paladin oder als Klerikerin auszubilden. Ich entschied mich für ersteres.

Nun sind wir im für mich Jahr 0 angekommen. Die ganzen Jahre davor sind zwar alle vergangen, nur ohne das ich die Zeit gezählt hätte. Das heißt natürlich auch, ich weiß gar nicht wie alt ich genau bin. Wie bereits schon mal geschrieben, insbesondere im Blutgraben ist die Zeit unwichtig.

Es dauerte gute 23 Jahre bis ich soweit war, das ich den Rang eines Paladins des Tyrs tragen durfte. Ich brauchte wesentlich länger als alle anderen. Meine Ausbilder und im allgemeinen die Kirche des Tyrs glaubten, dass das an meinem dämonischen Blut lag, welches grundsätzlich das Gute nicht schert. Aber mir gelang es, irgendwann auch die Heilige Magie zu führen.

Viel wichtiger war jedoch, auch wenn meine Mutter mich weiterhin suchte, wie ich hier und dort mal mitbekam und auch der von ihr beauftragte Balor mir auf den Fersen war, so fand er oder die Schergen meiner Mutter mich nicht. Ich weiß nicht ob Tyr höchstpersönlich mich beschütze oder ob es etwas anderes war, vielleicht funktionierte mein Amulett ja doch, allerdings war ich bis vor kurzem sicher gewesen.

Vor 1 1/2 Jahren war es dann soweit, nachdem ich die Ausbildung zu einem der Wächter abgeschlossen hatte, dass mir der Auftrag gegeben wurde, den Balor, welcher mich verfolgte, ausfindig zu machen und am besten dorthin zurück zu senden, von wo er gekommen ist, aus den Unendlichen Ebenen des Abyss. Nicht nur damit ich endlich frei leben könne, sondern damit ich auch unter beweis stellen kann, wie sehr ich den Wächtern vertraue und sie mir vertrauen können. Die Wächter sind immerhin dafür da, um Bedrohungen von außerhalb Torils zu vermeiden und da ich selbst am eigenen Leib weiß und ich auch der lebende Beweis bin, was es sonst noch so im Kosmos alles gibt, bin ich gut dafür gerüstet, auf die Suche nach dem Balor zu gehen.

Es gab Berichte davon, dass ein Balor in der Umgebung vom Schädelhafen, welcher weit unter Tiefwasser liegt, gesichtet worden sein soll. Von daher führte mein Weg mich erst zum Schädelhafen. Meine Aufgabe war es nicht, alleine den Balor zu bekämpfen. Dies wäre purer Selbstmord gewesen. Ich sollte Informationen sammeln und später, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, die Kirche von Tyr zusammen zu ziehen, um gegen den Balor ins Feld zu schreiten.

Viele Monate dauerte es, bis ich Informationen zusammen bekam. Auch wenn die Kirche von Tyr mich aufgenommen hatte, so war mein dämonisches Aussehen, auch wenn dies annähernd perfekt und makellos war, weiterhin nichts für die Rassen von Faerûn. Also blieb ich die meiste Zeit in meiner menschlichen Verwandlung, obwohl wenn mir dies nicht immer leicht fiel. Es kostet mich immerhin viel Konzentration. Natürlich gab es auch Menschen, Zwerge, Elfen und andere Rassen, die mein wahres Aussehen kennen und mit denen ich mich derweil befreunden konnte. Allerdings sind diese Freunde weiterhin in der absoluten Minderheit.

Mialee Firahel

Mialee Firahel

Mialee

Ich wurde am 22. Flammenleite 1466 in Atkatla in Amn geboren, genauer gesagt in den Slums in Atkatla, in einer heruntergekommenen Hütte, die gefühlt mehr Löcher aufwies als ein Käse. Dadurch war es oft schweinekalt in der Hütte und eigentlich nur ein bisschen besser, als auf der Straße zu leben. Meinen Vater hab ich nie kennengelernt, will ich auch nicht. Er war wohl ein Mensch, ein Kunde meiner Mutter. Das Problem in Atkatla – der verschissenen Stadt der Münze – ist, dass man auf Mischlinge und Andersartige wie uns heruntersieht. Für eine Halbelfin wie meine Mutter ist es so kaum möglich, eine ordentliche Anstellung zu finden. Also musste sie in einem Bordell in der Nähe des Hafens arbeiten, um über die Runden zu kommen. Neben mir führte ihre Arbeit noch zu zwei weiteren Kindern: Silad, meinem älteren Bruder und Si’lra meiner jüngeren Schwester.

Obwohl wir in solch abgefuckten Verhältnissen lebten, zog uns meine Mutter überaus liebevoll auf. Ich kenne keine Frau, die so gütig ist, wie sie es war oder die trotz einer solch schlechten Lage immer wieder Freude verbreiten und ein Lächeln auf die Gesichter ihrer Kinder zaubern kann. Während ich mit meinen beiden Geschwistern – oder wohl eher Halbgeschwister, obwohl wir uns nie als solche betrachteten – aufwuchs, erlebten wir leider oft das Gegenteil dieser Güte. In der näheren Umgebung lebten noch zwei Halbelfenkinder und einen Halborkjunge, mit denen wir uns anfreundeten. Wir hatten viel Spaß zusammen, aber die anderen Kinder – überwiegend Menschenbälger – behandelten uns genauso wie die Erwachsenen. Wir waren nichts weiter als Ausgestoßene und wurden von ihnen geärgert und oft auch drangsaliert. Während Si’lra davon relativ verschont blieb, weil Silad, ich und unsere Freunde sie beschützten, kam mein Bruder oft mit blauen Flecken und auch anderen Wunden nach Hause. Diese verfluchten Menschengöhren.

Die Zeit verging und als wir älter wurde, konnten wir unserer Mutter aushelfen und unseren Beitrag leisten. Während Silad als Hafenarbeiter etwas Geld verdiente, trat ich in die Fußstapfen meiner Mutter und arbeitete ebenfalls im Bordell. Dadurch verdienten wir genug, sodass dieses Schicksal zumindest meiner kleinen Schwester erspart blieb. Es ist nicht die schlechteste Tätigkeit – zumindest nicht immer – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Frau freiwillig und ohne Not in einem Bordell arbeitet. Zumindest habe ich den einen oder anderen Trick dadurch gelernt, den ich heute noch gebrauchen kann. Da wir nun insgesamt mehr Geld verdienten, ging es uns etwas besser als zu früheren Zeiten, als wir noch um genug Essen bangen mussten. Doch wer in den Slums lebt weiß, dass Tymora eine launische Schlampe sein kann und viele Götter einfach auf uns spucken.

Eines Tages kam ein Adliger Mensch ins Bordell und verhielt sich – welch Überraschung – wie das größte Arschloch, als würde ich und die anderen Frauen ihm gehören. Das kam ab und zu vor und entweder konnte man gut damit umgehen oder es ertragen. Ertragen – etwas, dass ich früher viel zu häufig gemacht habe. Jedenfalls verhielt sich das Sackgesicht auch noch außerhalb des Bordells so und erniedrigte uns mit seinen Äußerungen. Dummerweise war mein Bruder zufällig in der Nähe und bekam das mit. Er hatte ja schon immer zu viel Temperament und konnte solche Ungerechtigkeiten nie mit ansehen, weshalb er als Kind auch oft von den menschlichen Bälgern Haue bekommen hatte. Es kam, wie es kommen musste: Er mischte sich ein und forderte den reichen Bastard auf, damit aufzuhören und sich zu entschuldigen. Natürlich konnte eine hochwohlgeborene Arschigkeit wie der Typ sich sowas nicht gefallen lassen. Nach mehreren Beschimpfungen endete das Ganze in einem Duell.

Ich versuchte es noch meinem Bruder auszureden, ebenso wie meine Mutter und Schwester, aber Silad wollte nicht hören. Er konnte das Ganze nicht mehr ertragen, den Umgang der Menschen mit uns und wie Mutter und ich das Geld verdienen mussten. Dieser liebe Idiot. Am Abend machte er sich zu dem Duell auf. Natürlich folgte ich ihm heimlich, auch wenn er es nicht wollte. Es war kein richtiges Duell. Zum einen kämpfte der adlige Hosenscheißer nicht einmal selbst, weil er zu viel Angst hatte. Stattdessen ließ er einen seiner Wächter für sich kämpfen. Doch sie hatten Silad unterschätzt. Da er als Kind immer wieder Prügel bezogen hatte und oft kämpfen musste, hatte er trainiert, um sich notfalls verteidigen zu können. Doch als es Anzeichen dafür gab, dass der Wächter unterliegen würde und ich schon voller Hoffnung erleichtert aufatmete, gab diese miese Ratte, dieser Sohn eines goblinoiden Hundefickers ein Zeichen und seine anderen beiden Wächter erschossen meinen Bruder mit ihren Armbrüsten. Ich werde diesen Tag nie vergessen.

Natürlich gab es für den Pisser keinerlei Konsequenzen. Wir haben der Stadtwache alles gemeldet und geschildert, aber wer glaubt schon einer Halbelfen-Prostituierten aus den Slums, wenn das Wort eines hochwohlgeborenen Menschen dagegensteht. Keine Ahnung, was er ihnen erzählt hat. Wahrscheinlich irgendeinen Schwachsinn von Notwehr. Wir wurden sogar von der Stadtwache gewarnt, keine Lügen zu verbreiten. Ich wollte es dem Arschloch heimzahlen und am liebsten alle Adligen strafen, ihnen ihre Reichtümer und Stellungen wegnehmen, die ihnen so wichtig waren. Und ich war nicht die einzige, der die Stellung dieser verwöhnten Sesselpupser zuwider war und die am liebsten etwas gegen sie unternehmen wollte. Kurz nach dem Tod meines Bruders und der Warnung der Stadtwache trat ein Mittglied der Diebesgilde – der Schatten von Amn – an mich heran und machte mir ein Angebot.

Sie wollten mich dabei unterstützen, meinem Bruder Gerechtigkeit teilwerden zu lassen. Im Austausch sollte ich ihnen helfen. Durch meine Arbeit im Bordell hatte ich mit einigen Adligen Kontakt und wusste, wie ich andere auf mich aufmerksam machen konnte. Das sollte ich nutzen, um ein paar Informationen, eventuell sogar Geheimnisse zu entlocken und weiterzugeben und wenn nötig auch einen Gegenstand zu entwenden, wenn das gewünschte Ziel gerade abgelenkt oder schläfrig gemacht wurde. Ein guter Deal, wie ich finde. Deswegen habe ich auch sofort zugestimmt. Allerdings habe ich dem Schattendieb – Darvin – eine Bedingung gestellt. Sie sollten mich nebenbei auch ein wenig ausbilden, damit ich mich im Notfall verteidigen oder zurechtkommen könnte. Und so wurde ich etwas wie eine freie Mitarbeiterin bei den Schattendieben.

Es war eine schöne Zeit. Endlich hatte ich das Gefühl, dass ich selbst etwas bewirken, selbst eine gewisse Stärke und Macht hatte. Ich war nicht mehr nur Spielball und Gesellin und für andere da, ich handelte selber und konnte mich wehren. Zumindest kam mir das so vor. Ihr erinnert euch an die launische Schlampe? Natürlich musste mich das Glück verlassen. Eines Tages wurde ich erwischt, als ich ein geheimes Dokument eines Kunden abschreiben wollte. Er hatte das Dokument mit einem versteckten Alarmzauber gesichert. Natürlich handelte es sich nicht um irgendeinen Kunden, sondern einen hohen Adligen, der in illegale Geschäfte, wie Sklavenhandel und dem Handel mit exotischen Tieren, verwickelt war. Und wie so oft bei den selbstgerechten Blaublütern wurde auch diesmal nicht die Stadtwache eingeschaltet, sondern Selbstjustiz verübt.

Man nahm mich mit und meine Bestrafung sollte gleichzeitig der Unterhaltung und dem Geschäft dienen. Also warf man mich nur mit einem Dolch bewaffnet in die illegale Kampfarena des Spackens mit dem Versprechen, dass ich bei einem Sieg frei und alles vergessen wäre. Von wegen, als hätte das Wort eines adligen Bastards jemals etwas bedeutet. Sie wollten, dass ich vor einem laut jubelnden, asozialen Mistpack von degenerierten Menschen von einem seiner Panther zerrissen und gefressen werde. Ich wehrte mich so gut ich konnte und hätte ich kein Kampftraining durch die Diebesgilde erhalten, wäre ich in Sekunden getötet worden. So hielt ich ein wenig durch, musste aber einige schmerzhafte Kratzer des Panthers ertragen, denen ich nicht ausweichen konnte. Ich war mir sicher, dass ich in der Arena sterben würde und wurde richtig wütend. Wütend über das elendige Leben, dass wir führten, während solche Arschlöcher im Geld schwammen, wütend über die Ungerechtigkeit und über das Verhalten der Stadtwache, über den Tod meines Bruders und dass ich hier auf diese Weise sterben sollte. Meine Wut hinausschreiend, ließ ich einen Schwall von Beleidigungen gegen den Panther los.

Und dann geschah es: Der Panther zuckte zusammen und fing an zu winseln. Ich wusste damals nicht, dass ich der Auslöser war, aber ich zögerte nicht und stürzte mich auf den Panther, ohne mit den Beleidigungen aufzuhören. Nur durch diesen glücklichen Umstand gelang es mir, meinen Dolch in den Hals des Panthers zu bohren und ihn zu töten. Eigentlich schade um das arme Tier, ich wünschte, es wäre der Hals des tiermissbrauchenden Bastards gewesen. Um vor seinen Freunden und dem Publikum nicht schlecht dazustehen, hielt sich der Mistkerl an sein Wort und ließ mich gehen.

Direkt im Anschluss trat dann ein Elf an mich heran, der sich als Thamior Galanodel, Mitglied der Schaustellergruppe „die Wanderfalken“ vorstellte. Die Gruppe war gerade in der Stadt und er hatte der Arena für eine Inspiration seiner Werke und Darstellungen beigewohnt. Er hatte beobachtet, wie sich meine magische Begabung im Kampf gezeigt hat und bot mir an, mich mitzunehmen und auszubilden. Er meinte, dass ich ein Talent zu einer Klinge, einem Barden der Schule der Schwerter, hätte, so wie auch er einer war. Natürlich klang es großartig, mit einer Schaustellergruppe umherzureisen, nicht mehr im Bordell arbeiten zu müssen und Leute um sich zu haben, die einen wahrscheinlich respektierten, anders als die Menschen dieser Stadt. Es klang für mich sogar viel zu gut, um wahr sein zu können, vor allem nach all den Strapazen. Aber ich lehnte sein Angebot dankend ab. Ich musste mich um meine Mutter und Schwester kümmern und konnte nicht einfach abhauen. Die Gruppe würde uns wohl kaum alle mitnehmen.

Als ich wieder in meinem Zuhause ankam, holte mich dann die Realität dieser arschlochverseuchten Stadt ein. Während meiner Abwesenheit und meines Gespräches mit Thamior hatte dieses adlige Dreckschwein sein Wort gebrochen und seine Männer zu meinem Zuhause geschickt. Keine Ahnung, woher er wusste, wo ich wohnte, aber die Reichen haben mit ihrem Geld ihre Wege. Jedenfalls waren sie in mein Heim eingebrochen, wo ich meine Mutter am Boden in einer Blutlache liegend fand, die Kehle aufgeschlitzt. Meine Schwester hatte nur überlebt, weil sie sich rechtzeitig versteckt hatte. Ich fand sie in dem Versteck, wimmernd und schluchzend. So hatte der Bastard doch noch seine Rache bekommen, ohne sein Gesicht vor seinen Freunden zu verlieren.

Nachdem mir diese Stadt und seine Bewohner zwei geliebte Menschen geraubt hatte, hielt ich es nicht mehr aus. Nachdem ich mich um die Beisetzung unserer Mutter gekümmert hatte und von der nutzlosen Stadtwache erneut leere Worte erhielt, schnappte ich meine Schwester und unsere wichtigsten Besitztümer und ging mit ihr zu den Wanderfalken. Thamior drückte sein Beileid aus, freute sich aber, dass ich seinem Angebot nun doch zustimmte. Gemeinsam mit meiner Schwester wurden wir von der Schaustellergruppe aufgenommen und reisten mit ihnen durch die Lande, immer von einem Auftritt zum nächsten.

Während wir beide von unserer neuen Familie – denn mit der Zeit wurden wir wie Familienmitglieder behandelt – den Gesang, Tanz und das Spiel verschiedener Instrumente erlernten, weihte mich Thamior zusätzlich in die Geheimnisse der Barden ein und übte mich im Kampf mit mehreren Klingen. Si’lra, die von uns die schönste Stimme hatte, wirkte fortan als Minnesängerin in der Gruppe. während ich neben Spiel und Gesang auch oft Kunststücke mit den Klingen und Schaukämpfe mit Thamior vorführte. Gelegentlich zeigten wir auch als Schwesternpaar einige gemeinsame Tänze oder sangen im Duett. Ein häufig gespielter Schaukampf, der von einem passenden Lied untermalt wurde und viel Anklang bei den Auftritten fand, war Die Dirne und das Monster, ein Stück, dass Thamior über meinen Kampf mit dem Panther um die Freiheit geschrieben hat und das wir gemeinsam während meiner Ausbildung immer wieder verfeinert haben. Dabei variiert der Kontrahent, gegen den ich antreten muss. Ich tötete dabei auch schon mal eine Hydra. Man, was bin ich gut.

Es war eine wirklich schöne Zeit mit den Wanderfalken und meine Schwester blühte geradezu auf. Ich konnte die Ereignisse unserer Vergangenheit aber nicht so einfach hinter mich lassen. Mir fehlte das Gefühl als Teil der Schattendiebe wenigstens einen kleinen Beitrag zur Gerechtigkeit gegenüber den adligen Bastarden zu leisten und etwas zu bewegen, so wenig es auch war. Somit begann ich nach einiger Zeit ein Doppelleben zu führen. Nachts schlich ich mich manchmal aus der Gruppe und versuchte meinen Beitrag zu leisten, indem ich die Reichen beklaute und es besonders Bedürftigen, wie Kindern oder Ausgestoßenen zukommen zu lassen. Wurde ich Zeuge, wie einer von diesen unterdrückt oder mies behandelt wurde, knöpfte ich mir dafür den Täter vor. Bei kleineren Vergehen forderte ich den verwöhnten Blindgänger gern zu einem Duell heraus und blamierte ihn im Zweikampf vor seinen Freunden. Natürlich konnte das auf Dauer nicht gut ausgehen. Ihr wisst ja noch, was Tymora ist, oder?

Wir waren gerade in Tiefwasser, als ich Zeuge wurde, wie so ein verwöhntes Adligenbübchen einen Bettler – einen ausgestoßenen, jungen Tiefling – aufs übelste beleidigte und beschimpfte. Der abgemagerte Junge hatte wohl versucht das Blaublut zu bestehlen, um sich etwas zu Essen kaufen zu können. Etwas, das jede halbwegs vernunftbegabte Person nachvollziehen und gut verstehen kann. Nicht jedoch dieser adlige Mistkerl. Der verhielt sich seines beschissenen Standes entsprechend und wollte diese „Missgeburt der Hölle“, wie er den Tiefling bezeichnete, sofort eigenhändig bestrafen. Wobei eigenhändig meinte, dass es seine Leibwache tun sollten. Die wollten den armen Jungen doch tatsächlich die Hand abhacken. Ich konnte das natürlich nicht mitansehen und ging dazwischen. Nein, ich hab es nicht diplomatisch versucht. Ich beschimpfte den Schnösel auf derbe Art und Weise, dass sein Kopf so rot wurde, dass ich dachte, er würde gleich platzen. Das wär mal ein amüsanter Anblick gewesen. Seine befreundeten, adligen Schnösel im Schlepptau, konnte er sich das nicht gefallen lassen und forderte Genugtuung. Sie handeln doch immer gleich. Also lief es auf ein Duell hinaus, ganz wie ich es wollte.

Vor dem direkten Duell konnte sich der Schnösel vor seinen Freunden diesmal nicht drücken, vor allem da ich darauf bestand, es sofort an einer geschützten Stelle auszutragen. Wie die meisten degenerierten Adligen verstand dieser Schnösel ein wenig vom Kämpfen, gerade genug um eine Klinge zu führen aber viel zu wenig, um einen Gegner besiegen zu können, halt mehr Show als Können. Also spielte ich etwas mit ihm. Im Kampf beleidigte er mich so gut er konnte, schaffte es aber nicht mit meinen Paraden mitzuhalten, was ihn nur noch wütender machte, vor allem als seine Freunde belustigt zu Kichern begannen. Daraufhin sagte er dann aber etwas, was mich in Rage brachte.

Er drohte damit, dass er nach dem Kampf den Tiefling und alle, die zu ihm gehörten, von seinen Wachen aufsuchen und mitnehmen lassen würde, auf dass er sich langsam und genüsslich an ihnen für diese Demütigungen rächen könnte, bis sie ihr wertloses Leben aufgeben würden. Ich hatte genug erlebt, um diese Worte ernst zu nehmen. Bilder meiner toten Mutter und meines Bruders tauchten vor meinem Auge auf, sodass ich voller Wut auf den Mistkerl einschlug. In meinem Zorn schlitzte ich ihm schließlich eine Schlagader auf, noch bevor seine Leibwache, die schon ihre Schwerter gezogen hatten, eingreifen konnten. Während er zusammensackte und langsam verblutete, stellte ich mich der Leibwache, die ich dank des Trainings mit Thamior ebenfalls besiegen konnte. Natürlich waren die anderen Adligen geflohen, sodass mir Ärger bevorstand.

Wie sich später herausstellte, war der adlige Möchtegernkämpfer der Sohn eines hochrangigen Ratsmitglieds gewesen. Tja, dumm gelaufen würde ich sagen. Das bedeutete natürlich, dass ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt wurde. Die Wanderfalken konnten sich so einen Ärger nicht leisten und ich wollte sie auch nicht da mit reinziehen. Also trennten sich einvernehmlich unsere Wege. Obwohl meine Schwester unter Tränen mit mir kommen wollte, war sie bei den Wanderfalken besser aufgehoben. Sie sollte weiter mit ihnen als ihre neue Familie umherziehen und als Minnesängerin glücklich sein. Thamior war nicht böse auf mich, er konnte mich sehr gut verstehen. Ich habe das Gefühl, dass er in der Vergangenheit ähnliches ausgefressen hat, aber darüber hat er nie etwas erzählt. Zum Abschied schenkte er mir noch eine ganz besondere Leier, die er zuvor für mich für den Moment anfertigen lassen hatte, wenn ich allein ausziehen sollte, um neue Erfahrungen als Bardin zu sammeln. Die Leier war an den Enden als zwei springende Panther verziert, in Gedenken an meinen Kampf, bei dem ich durch mein eigenes Können mein Schicksal veränderte.

Bevor mich die Stadtwache oder irgendein Kopfgeldjäger fingen konnte, floh ich aus der Stadt in Richtung Norden. Nun muss ich mich allein durchschlagen. Aber ich bin mir sicher, dass ich in den kleineren Städten im Norden mit meinen Auftritten Begeisterung auslösen kann. Wer weiß, vielleicht schau ich mir einmal die Wunder des Hochwaldes an und schau, wie meine elfischen Verwandten so leben. Oder ich besuche Silbrigmond, das von unglaublicher Schönheit sein soll, wie ich gehört habe.

Bran

Bran

Bran

Mein Name ist Bran. Ich lebe in Yartar und bin Teil der Armee. Wenn ich mit meinen täglichen Routinen fertig bin, meine Ausrüstung gepflegt und zu Abend gegessen habe, gehe ich auch gerne mal in den Tempel. Nicht weil ich streng gläubig bin, aber viel anderes habe ich sonst nicht zu tun und im Tempel komme ich zumindest auch mal auf andere Gedanken.

Viel blieb mir auch nicht übrig, da ich mein sein ganzes Leben vergessen hatte, halbnackt vor den Toren einer unbekannten Stadt aufgewacht bin und der einzige Ort, an dem ich bleiben konnte, die Kaserne war… Nachts lag ich allerdings schon im Bett und fragte mich was mir passiert sein muss. Wie war mein Leben vorher? War ich ein guter Mensch? Hatte ich eine Familie?

Inzwischen kann ich mich aber leider an die Vergangenheit erinnern. Ich kann mich an Schmerz, Wut und Trauer erinnern. Offenbar war ich ein Soldat. Ich zog in viele Kämpfe und beendete noch mehr Leben. An meinen Händen klebt mehr Blut, als gesund für den Verstand eines einzelnen sein kann. Ich erinnere mich wie ich und wenige andere Befehle bekamen und ich diese dann an mehrere weitergab. Wer weiß, vielleicht war ich ja so gut im Töten, dass ich sogar in der Armee oder Kohorte oder wo auch immer ich war, einen Rang inne hatte. Besser macht es das ganze nicht. Aber wenn ich schon erfahre, dass ich ein Mörder war, dann fühlt es sich besser an, dass ich anscheinend eine Position inne hatte, mit der man auch etwas ändern könnte.

Warum ich das will? Ich bin mir selber nicht sicher. Es muss der schlechte Einfluss meiner neuen Gefährten sein, mit denen ich seit mehreren Zehntagen durch diese nebelige Hölle reise. Ich sage nicht, dass sie Heilige sind, aber sie sind Kameraden, auf die man sich verlassen kann. Rhogar ist ein fähiger Kämpfer, dem ich mein Leben anvertrauen würde. Mir wäre es nur lieber, wenn er mir bei dem Glaubensthema mehr zur Seite stehen würde. Ricarda dagegen unterstützt uns vor allem mit ihrer positiven Art und ihr Optimismus und ihre Hingabe hält unser aller Moral hoch. Ich hoffe, dass dieses verfluchte Land das nicht ändert. Vor allem, wenn ich bedenke, dass sie in letzter Zeit schon etwas offener für direkte Anfeindungen wurde…
Nott, oder besser Bellatrix, war mir von Anfang an eine Hilfe. Sie scheint auch ihr Gedächtnis verloren zu haben. Oder zumindest hatte sie es. Dieser Ort scheint uns beiden geholfen zu haben, uns an unsere Vergangenheit zu erinnern. Ob wir es nun wollten oder nicht. Bellatrix scheint sogar noch mehr bekommen zu haben. Während eines Kampfes, wurde sie tödlich verletzt und rührte am Ende des Kampfes schon garnicht mehr. Plötzlich tauchte allerdings eine Elfe hinter uns auf und meinte, dass sie Nott, oder besser Bellatrix wäre und ihr Geist diesen neuen Körper fand. Das ganze wundert mich sehr, aber in diesem Land sollte mich wahrscheinlich gar nichts mehr wundern. Was mich umso mehr wundert, ist dass ein anderes Gefühl, dass ich normalerweise habe, wenn ich Elfen begegne, bei ihr garnicht auftaucht. Die einzige, die dieses „Interesse“ gerade bei mir auslöst, ist Mia…
Achja, da hätte ich fast Mialee vergessen. Es fing an, wie es immer anfängt. Meine Augen wandern ungewollt in ihre Richtung, meine Ohren überhören alles, was nicht von ihr kommt und mein Kopf schmerzt als hätte ich etwas wichtiges vergessen. Sie ist eine außergewöhnliche Frau. Sie kann kämpfen, reden und singen, wie ich es in meinem Leben selten oder vielleicht sogar niemals erleben durfte. Sie beweist Hingabe, Leidenschaft und Mitgefühl für die Armen, Schwachen und auch für ihre Freunde. Welcher Gott auch immer angefangen hat, über mich zu wachen, vergib er mir für was dieser alte Mann nun sagen wird. Ich habe selten eine so schöne und begabte Frau gesehen, wie Mia.
Wenn, dass jetzt alles so klingt, als ob mein „Interesse“ tiefer geht, als eine Verbindung zu Elfen, die ich immer noch nicht verstehe, dann mag das so sein. Ich werde mich nicht für meine Gefühle schämen oder entschuldigen. Ich werde aber auch nichts tun, um diese auszudrücken. Was könnte ich ihr den schon bieten…

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