Das Flüstern des Nebels
Der Geruch von Kiefer schwebte noch in der Luft, als Adabras Portal wie ein geflüstertes Versprechen hinter uns verlosch. Nebel kroch über Phandalins Marktplatz, schluckte Geräusche und formte aus jedem Schatten eine Andeutung. Selbst das Knarren der Schilder klang gedämpft, als hielte die Stadt den Atem an.
„In die Taverne,“ drängte Adabra, und ihre Dringlichkeit war der Zunder, der unser Tempo hielt.
Moss blieb stehen. Sein Blick schnitt durch den Nebel – und fand etwas, das nicht dorthin gehörte. Eine schwebende Gestalt, Hörner nach hinten gebogen, Flügel aus gerissenem Nachtlicht, Klauen groß wie Entscheidungen. Der Nebel zog sie zur Stadthalle wie ein Magnet aus Schweigen. Moss versuchte, den Anblick nachzustellen; sein tänzelndes Demonstrieren endete in einem Verrenkungsakt, der die halbe Gruppe zum Lachen und die andere Hälfte zum Stöhnen brachte.
Doch dann bestätigte jemand den Blick. Er war da. Kein Hirngespinst, sondern der erste Gruß einer langen Nacht.
Die Gasse, die eine Seele nahm
Kopfgelder machten aus vertrauten Gassen Fallen. Moos schulterte sein Holzfäller-Hemd wie eine zweite Haut. Gefangene – Krähenrufer, Maera Feldwind und Harlon Pfündel – wurden Richtung Taverne dirigiert, während Nocturn und Angelus leise von Milde sprachen. In Phandalin brauchte man Verstand, nicht Rache.
So schien es. Bis der Nebel selbst widersprach.
Angelus bog ab, rief – und die Luft wurde kalt. Ein Betrunkener sackte in sich zusammen. Über ihm hing etwas, das nicht aus Fleisch bestand, sondern aus Hunger. Keine Klinge durchschnitt den Schrei. Nur ein leises Ziehen, als würde jemand eine Seele wie einen lockeren Faden aus einem Pullover wickeln.
Der Mönch griff hinein und zog. Schmerz schoss ihm ins Mark – Angst, sauber wie Zahlen in einem Buch. Der Zauberer antwortete mit Logik: ein unsichtbares Register voller Immunitäten und Schwächen. Magische Geschosse stiegen auf, so sicher wie Sternschnuppen, die ihr Ziel kennen. Angelus’ Schild leuchtete. Sein Schlag war ein Versprechen aus Radiant und Zorn. Der Dämon zerfloss wie Nebel im Morgenlicht.
Doch der Nebel lachte. Lautlos.
Und verschwand.
Eine Stadt greift zu Stühlen
Die Bürger strömten aus dem Stonehill Inn, bewaffnet mit dem, was Mut eben ist: Stühle, Flaschen, zitternde Hände, die trotzdem zuschlugen.
„Sie kommen wieder,“ krächzte eine alte Dame.
Nocturn brach durch die Menge. „Anni hat’s erwischt!“
Wir rannten.
In der Gasse zum Rathaus saß Anni – nicht tot, nicht gesund. Einmal da. Einmal weg. Ein Flackern zwischen Welten. Sie riss Tibbers den Arm ab, und in diesem kleinen Geräusch schlug etwas Großes: Der Haken im Dorf blieb. Niemand konnte mehr so tun, als wäre dies nur ein Sturm, der vorüberzieht.
Beim Spurt flackerten Gedanken an die Wellen-Echo-Höhle durch Maerons Kopf – an Dinge, die größer waren als diese Nacht. Wir nickten wortlos. Später. Wenn es noch ein Später gab. Jetzt war die Stadt alles, was zählte.
Der Schuppen am Rand der Welt
Am Stadtrand atmete ein alter Schuppen wie ein Tier im Schlaf. Zerschlissene Flügel huschten hinein. Feenfeuer riss den Schatten aus seiner Unsichtbarkeit.
Dann fiel ein größerer Schatten.
Ein Vrock. Sporen wie graugrüner Regen. Schreie, die Knochen zum Stillstehen zwangen.
Das Schlachtfeld wurde ein Tanz. Zwei Feuerbälle blühten wie Sonnen in einer Welt, die keine Sonne wollte. Angelus traf wie ein Schwur, der niemals gebrochen wird. Der Schuppen-Dämon ging in Licht auf. Nocturn spannte – sein Pfeil schnitt nur Luft. Der Vrock kreischte.
„Mami kommt,“ flüsterte Anni.
Wir wichen aus der Sporenwolke zurück, atmeten, heilten, hielten einander aufrecht. Dieses einfache, unzerstörbare Gefühl: Wir stehen. Weil wir wollen.
Die Enthüllung der falschen Spiegel
Später auf der nördlichen Straße zerplatzte ein weiterer Dämon in Schwefel und Sporen. Moos schrieb mit Fäusten Geschichte. Maeron flüsterte Dissonant Whispers wie Rasierklingen in die Gedanken der Hölle.
Und dann geschah das Unmögliche.
Nocturn zerplatzte in Gas.
Doppelgänger.
Das Portal hatte nicht nur Wege geöffnet – es hatte Plätze getauscht.
Wir suchten Spiegel und fanden Wahrheit. Angelus’ Reflexion hinkte hinterher, ein Wimpernschlag der Unwahrheit. Harbin Wester sprach zu glatt. Toblen wirkte poliert, als hätte jemand die Kanten seiner Menschlichkeit abgeschliffen. Kieriada, spröde und klar wie Winterluft, führte uns zum Schrein.
Artefakte, sagte sie, rufen Schatten wie Kerzen Motten. Die Wellen-Echo-Höhle war kein Ort. Sie war ein Ruf.
Garaele war schon fort. Etwas hatte sie aus der Phase genommen, als wäre sie eine Notiz, die in den falschen Ordner rutschte.
Das Dorf lernt, sich zu sehen
Am Wagenplatz schlug Isi zu – ein Stuhl, ein perfekter Moment. Puff. Der Doppelgänger löste sich zu Dunst.
Anni erholte sich über Nacht. Ihr Blick fand wieder Halt in einer Welt, die zwischen Lachen und Gefahr balancierte. Wir holten ein Buch aus dem Keller des alten Herrenhauses, wo die Rotmäntel gefallen waren: schwer, staubig, voller Geschichten von Hallura, schwebenden Städten und Magiefressern, die stärker werden, wenn man sie mit Zaubern füttert.
Tageslicht. Magische Waffen. Die Schattenebene verlangte andere Regeln.
Sending flog wie eine Taube durch kalte Luft:
„Dunkel, kalt, gefangen… Atemgeräusche anderer… Hilfe! … HILFE!“
Angelus lebte. Nicht frei. Nicht allein. Trostlossigkeit sprach aus ihm… ein Paladin, der das sprach. Hoffnug im Herzen.
Phandalin klebte Steckbriefe von uns an Wände. Wir klebten Spiegel in Hände. Am Mittag im Stonehill Inn brannte Toblen und wurde Rauch. Harbin fiel bewusstlos – und war nur noch Nebel. Toblens Frau kam mit Bratpfanne und Angst, und wir sagten die Wahrheit: Schatten. Spiegel. Scherben.
„In fünfzehn Minuten am Schrein.“
Ein Dorf, das lernen musste, sich selbst anzusehen.
Lachen vor dem Abgrund
Wir lachten über schlechte Würfel. Über stolze Frisuren im Spiegel. Über Stuhl-Krits, die Geschichte schrieben. Wurden wir verrückt? Und unter all dem Lachen lag unser Entschluss, hart wie Stahl:
Heute halten wir den Spiegel hoch.
Morgen gehen wir dorthin, wo die Spiegelbilder warten.
Und wenn die Nacht uns Namen stehlen will, wird die silberne Schar ihr zeigen, dass manche Geschichten sich nicht kopieren lassen.
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