Ulrik (Edi)

Die weißen Flocken rieselten, von einem leichten Nordwind getragen, als erste Vorboten des Winters vom wolkenbehangenen Himmel. Somit begann der nun schon elfte Winter, seit dem Ulrik das Kloster verlassen hatte, in welchem er aufgewachsen war. Er kauerte sich an seinem neuen Schlafplatz, im Eingangsbereich eines verlassenen Hauses, enger an die Hauswand. Der Winter versprach strenger zu werden als der letzte. Erst vor wenigen Stunden ist er auf dem Wagen eines Händlers in Beregost eingetroffen. Für ihn war es ein leichtes gewesen sich zwischen all den Tüchern zu verstecken, während seine Mitfahrgelegenheit sich mit den Stadtwachen  von Nashkel über einen Wegzoll stritt. In Beregost angekommen, hatte der Halbling zunächst die Stadt nach einem geeigneten Schlafplatz erkundet, um sich ein wenig auszuruhen. Nun machte sich Ulrik, wie schon so oft zuvor, auf die aussichtslose Suche nach seiner Vergangenheit. Der knapp drei Fuß kleine Halbling blieb immer nahezu unbemerkt, wenn er sich, in seinen Umhang gefüllt, durch die Straßen bewegte. Durch sein pechschwarzes Haar und den dunklen Teint, hob er sich kaum von der schmutzigen Straße ab. Er wusste sich schnell und unauffällig in den Schatten der Gassen zu bewegen. Gelegentlich blieb er stehen und sah sich konzentriert um, ohne eigentlich zu wissen, wonach er suchte. Den einzigen Anhaltspunkt, den er hatte, trug er um seinen Hals. Es war ein runder Kupferanhänger an einem schwarzen Lederband. Eine schlichte, aber kunstvoll gestaltete Prägung zierte den Anhänger, den er fest mit seiner Linken umschlossen hielt, während er das rege Treiben in der Stadt verfolgte.

Im Alter von etwa 15 fand er das Familienstück in den Gemächern seines verstorbenen Meisters. Mit diesem Tag taten sich unzählige Fragen auf, für die Ulrik verzweifelt nach Antworten suchte. Sein Meister hatte nie viel zu seiner Herkunft gesagt. Eines Tages wurde er als kleiner Junge und einziger Überlebender eines überfallenen Wagens im Kloster aufgenommen. An all das und die Zeit vor diesem Vorfall hatte er allerdings keinerlei Erinnerung. Seit diesem Tag wurde er dort großgezogen und ausgebildet. Anfangs hatte man ihm die Feldarbeit und die Kräuterkunde gelehrt, damit er bei der Nahrungsherstellung und der Erzeugung von alchemistischen Grundzutaten half. Später wurde ihm beigebracht, sich schnell und heimlich in Städten zu bewegen, um Botengänge für das Kloster zu machen. Er lernte schnell und gehörte stets zu den zuverlässigsten Mitgliedern der Anwärter. So kam es auch, dass sein ehemaliger Meister auf ihn aufmerksam wurde. Viel früher als üblich wurde er in den Künsten des Kampfes unterwiesen und bald darauf auch in die Geheimnisse der Meditation und des Ki eingeweiht. Seine Ausbildung zog sich so einige Jahre, stets begleitet von den üblichen Aufgaben im Kräutergarten und den immer häufiger werdenden Botengängen. Doch trotz des entgegengebrachten Vertrauens, wusste Ulrik nichts über den Aufgabenbereich seines Meisters und des Klosters.

Das schier unendliche Gewicht der Trauer und Rastlosigkeit, nachdem sein Meister eines Nachts schwer verletzt von einer Aufgabe zurückkehrte und an seinen Verletzungen erlag, bewegte ihn letzten Endes dazu Nachforschungen anzustellen. Er nutzte sein Talent für Heimlichkeit gegen diejenigen, die ihn darin ausgebildet hatten. In nur wenigen Tagen fand er heraus, dass sein Orden eine Gruppe aus namenhaften Spionen und Assassinen war. Diese verstörenden Nachrichten ließen ihn immer distanzierter und misstrauischer werden. Schon bald fand er Indizien dafür, dass sein Meister für die Beseitigung von Zeugen zuständig gewesen war und konnte eine Akte mit seinen Aufträgen der letzten Jahrzehnte aus dem geheimen Archiv des Klosters entwenden. So kam es, dass er darin eines Abends einen Teil seiner Vergangenheit fand.

Seine Eltern waren auf der Flucht gewesen, da sie Zeugen für etwas waren, das nie jemand hätte sehen dürfen. Als man ihre Position schließlich ausgemacht hatte, sollten sie also beseitigt werden. Um Spuren zu verwischen, sollte hinterher der Wagen samt Insassen verbrannt werden. Dem Auftrag hängte ein handschriftliches Protokoll an. Es war die Handschrift seines Meisters. Das Protokoll nahm zu den Komplikationen während der Durchführung des Auftrages Stellung und erläuterte die Notwendigkeit der Abweichung von der ursprünglichen Planung. Das Schreiben erwähnte Ulrik und ein Amulett, welches seine Wahre Herkunft verriet. Auf seiner Suche nach weiteren Informationen stieß es schließlich auf das besagte Amulett in der Kammer seiner Meisters. Außer dem Amulett konnte er allerdings nichts finden, außer Verwirrung und eine schier unendlich scheinende Leere.

Ulrik riss sich aus seinen Gedanken und bemerkte, dass es noch immer in einer Seitengasse eines großen Platzes in Beregost stand und seinen leeren Blick auf das Treiben der Kleinstadt gerichtet hatte. Er legte sich das Lederband wieder um den Hals und verbarg den Anhänger unter seinem Hemd. Seufzend machte er sich auf den Weg, um die Tavernen von Beregost nach möglichen Informationen abzuklappern….

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