Vinlay

Das Leben eines Barden

Aus meiner Kindheit ist mir nicht viel geblieben…
Geboren wurde ich in nahe Pros an der Drachenküste im «Jahr der Harfe 1355». Meine Eltern verrichteten derzeit Handlangerarbeiten um zu überleben. Von dort machten sich meine Eltern Graul und Lore (mit einem kleinen Vinlay) auf in ein neues Leben. Sie trafen in Pros, noch weiter westlich als Westtor, einen fahrenden Händler, welcher von einer Werft berichtete. Diese soll die edelsten, prachtvolls- ten und überhaupt schönsten Schiffe des gesamten Drachenmeers fertigen. Beein- druckt durch die ausdrucksstarken Erzählungen beschlossen sie binnen der darauf folgenden Wochen aufzubrechen, den Werft-Inhaber um Arbeit zu ersuchen und ihr Glück in Westtor zu finden. Tatsächlich war beiden nicht bewusst, dass Westtor für seine Verbrechen an Leib. Seele und Geldbörsen bekannt war, und sie samt einem Säugling sich in die mit- unter gefährlichste Stadt der Drachenküste begaben. Der Weg dorthin war hinge- gen recht unbeschwerlich. In einer Hafenstadt die Werft zu finden war sicherlich einfach und nach erfolgreichen Verhandlungen erhielten sie die angestrebte Arbeit. Beide waren froh angekommen zu sein. Durch einen streng organisierten Arbeitsablauf blieb ihnen keine andere Wahl, als mich tagsüber zu einer älteren Dame namens Brelov Coster zu geben. Sie war sehr herzlich, nett und hatte immer ein Lied auf den Lippen. Die Zeit strich vorbei, Jahre kamen und gingen. Ich lebte das Leben eines normalen Jungen. Ich lernte in dieser Stadt mich durchzusetzen oder zu verstecken, wenn es sein musste! Nach einem herrlichen Sommertag kamen meine Eltern mich abends abholen. Sie gingen mit mir jedoch nicht nach Hause, sondern an den Pier. Dort schauten wir uns den Son- nenuntergang an, lauschten den Wellen und mein Vater spielte Laute. Meine Mutter hielt mich in ihren Armen. Auf dem Weg nach Hause übergab mir mein Vater sein Instrument und sagte: Wenn du erwachsen bist, wirst du ein begnadeter Musiker an der Küste sein. Also übe viel und dein Fleiß wird belohnt! Ich war glücklich, mit ei- nem Teil meiner Zukunft in Händen. Wie sich zeigen sollte war dies leider das letzte glückliche Erlebnis in Westtor. Nach einer kurzen, dennoch schönen, Nacht brachten mich meine Eltern wie ge- wohnt zu Brelov. Dann erst offenbarten sie mir, dass ich nun für einen Monat bei ihr bleiben solle. Sie mussten beruflich fort, sagten sie. Was sie genau vor hatten, erwähnten sie nicht. Ich konnte vor kurzem lediglich herausfinden, dass sie sich in Richtung Pirateninseln auf machten. Traurig, aber dennoch voller Vorfreude, stand ich am Morgen nach einer sehr emotionalen Verabschiedung am Hafen und habe das Boot mit meinen Eltern verabschiedet. Ich spielte seit diesem Tag immer abends

Das Leben eines Barden

bei Sonnenuntergang Laute und lernte im Laufe der Zeit viele Griffe und Techniken. Mein Vater wäre sicherlich stolz gewesen. Ich spielte Tage, Wochen und Monate. Horchte bei Gauklern und spielenden Edelmännern. Mit dem Lauschen vergingen die Monate und niemand kam mich abholen, weder Mutter noch Vater. Es war das «Jahr des Schildes». Brevlov half mir in dieser ungewissen Zeit meine Trauer zu bewältigen. Je länger ich bei ihr lebte, desto familiärer wurde unser Verhältnis. Sie wurde meine Ziehmut- ter, auch wenn sie als Mutter etwas zu alt gewesen wäre. Sie teilte die Wohnung und Lebensmittel mit mir, im Gegenzug half ich im Haushalt. Doch für mich als junger Mensch war es etwas ganz Besonderes, wenn sie Geschichten von Fabel- und ande- ren Wesen, Abenteurern und Wandersleuten erzählte. Eines Abends (wir saßen wie damals meine Eltern und ich am Pier) begann sie zu singen. Ich konnte nicht an andere Dinge denken. Verloren in ihrem Gesang erschienen Bilder in meinem Kopf. Sie zeigten Musiker, feiernde große und kleine Leute, menschenähnliche Wesen und andere, die nicht mehr viel menschliches an sich hatten. Plötzlich fokussierten die Bilder zwei glänzende Hände einer Frau, aus diesen traten sechs leuchtende Kugeln, welche schwebend sie leuchtkäfer-ähnlich umgaben. Wie in Zeitlupe verlangsamte sich das Tempo dieser Bilder. Dann beweg- ten sie sich schneller und schneller und auf einmal stand Brevlov vor mir – umgeben von sechs leuchtenden Kugeln. Sie ließ mich an ihrem vergangenen Leben teilhaben, lehrte mich, was sie gelehrt wurde. Sie machte mich vertraut mit Wissen, Geheimnissen, Tugenden und lehrte mich den Fluss mystischer Energien zu nutzen und zu lenken. Bis zu ihrem Tode. Von dem Tag ihres friedlichen Einschlafens an beschloss ich in die Welt zu gehen, mein Wissen zu mehren, eigene Geschichten zu erleben und meine Fähigkeiten zu entwickeln. Ich bin 16 Jahre alt und mache mich auf während dem «Jahr der unge- spannten Harfe 1371» nach Tiefwasser. Was mich dort wohl erwarten wird?

… außer Erinnerungen.

Vinlay
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