Thalin MorasThalin Moras

Schwaches Kerzenlicht erfüllt den Raum. Am Tisch sitzt Erin von Goldwin. Sein Gesicht zitternd in den Handflächen vergraben. Seit Stunden bringt er nichts hervor außer gelegentlichen Wortfetzen, aus denen deutlich Angst und Verzweiflung herauszuhören sind. Gelangweilt hält einer der drei Söldner, die bei ihm sind, sein Schwert in den Schein der Kerze und beobachtet die Reflexion, die sich auf der Klinge bildet. „Vor was genau verstecken wir uns hier eigentlich?“, fragt er und schaut zu Erin, nachdem er die Ratlosigkeit in den Gesichtern der anderen erkannte.
„Nicht vor was“ antwortet Erin kopfschüttelnd „sondern vor wem“. „Ha!“ ruft ein anderer der Söldner aus und haut mit einem Arm seine Axt in den Tisch. „Eine Person trachtet nach eurem Leben und ihr verkriecht euch mit einer Handvoll Wachen… verweichlichter Adel.“
„An eurer Stelle wäre ich nicht so vorlaut!“ verärgert schaut Erin auf. „Schließlich sitzt ihr hier mit mir. Und wer weiß ob er euch verschont. Moorwalds Schatten.“
„Wer?“, fragt der dritte und größte unter ihnen. Ein Hüne mit Armen, breit wie Schiffsmasten und Fäusten wie Ambosse.
„Habt ihr nie von den Geschichten von Moorwalds Schatten gehört?“ Ausdruckslos starren die drei ihn an. Als Erin keinerlei Regung in ihren Augen erkennt, fährt er entgeistert fort „Man erzählt sich er sei das Kind einer Hexe. Jung und mächtig soll sie gewesen sein. Als die Sonne am höchsten stand schlug man sie nieder und zog sie fort. Sie erwachte in Ketten gelegt. Dass sie ein Kind in sich trug, sah ihr niemand an. Man folterte sie, auf die grausamste Weise, wochenlang. Der Foltermeister, ein blutrünstiges Ungeheuer von einem Mann, hing sie an ihren Ketten an die Decke des Kerkers, ihre Füße wenige cm über den Boden baumelnd. Als sie das Kind schließlich unter Schreien der Folter gebar, lag es ihr zu Füßen, rotgefärbt vom Blut, dass sich unter ihren Füßen sammelte. Angeekelt blickte der Foltermeister auf das Neugeborene.
„Wartet!“ schrie eine der Wachen als er seinen Fuß hob, um es zu zertreten. „Lasst ihn mich nehmen.“ verwundert hielt der Kerkermeister inne. „Ihr …wisst die Bestien des Königs schätzen es, wenn sich ihr Fressen noch bewegt.“ Mit skeptischem Blick betrachtete der Foltermeister einen Moment lang das Elend zu seinen Füßen. Widerwillig ließ er von ihm ab und stimmte dem Einwand der Wache zu. Die Wache nahm das Kind an sich und hüllte es in ihr Gewand bevor sie den Raum verließ und an zahllosen Zellen vorbeischlich.
Rasselnde Ketten und kraftloses Stöhnen begleiteten ihren Weg von allen Seiten. Manche behaupten die Wache übergab das Kind einer Hure. Andere erzählten es wurde von Dieben oder Söldnern aufgenommen. Was auch immer an jenem Tag geschah, das Kind überlebte.“

„Häuten hätte man ihn sollen, vor den Augen seiner Mutter“, wirft einer der Söldner ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Thalin hört zu. Mit verhülltem Gesicht hockt er auf einem der Dachbalken. Seine Kleidung ist schwarz, wie der Schatten aus dem er auf die vier Personen herabblickt. Leise zieht er eine kleine Phiole aus seinem Gurt und wirft diese vor die Söldner. Als sie am Boden zerbricht, entweicht die Flüssigkeit und löst sich schlagartig auf. Ein süßlicher Duft breitet sich aus. Vom klirrenden Geräusch erschreckt, springen die drei Männer mit gezogenen Waffen auf. Erin, den die schlimmsten Befürchtungen plagen, weicht schutzsuchend hinter ihnen zurück. Mit ihren Blicken auf die finstere Leere des Raumes gerichtet, verharren sie einen Moment lang in Stille.

Als Thalin sich herabfallen lässt und sich vor ihnen aufrichtet, erreicht der Wirkstoff der Phiole bereits seine volle Kraft. Angsterfüllt stehen die Männer vor ihm. Panisch stolpert einer von ihnen rückwärts zu Boden, denn was er sieht, ist nicht das Gesicht Thalins. Es ist das Gesicht einer Bestie, von Würmern zerfressen. Maden, die sich durchs Gewebe beißen, Käfer die zu hunderten aus seinem Mund und Ohren kriechen. Schwarzes Blut läuft die tote Haut herunter.
Zitternd hält er sein Schwert vor sich.

Mit verängstigten Schritten weicht der zweite Söldner zur Seite und drückt sich mit aller Kraft gegen die Wand der Hütte. Was ihm erscheint ist eine Spinne, von der Größe eines Bären, die sich langsam an ihrem Faden herablässt und sich mit ihren endlosen, dünnen Beinen auf ihn zubewegt. Ätzender Speichel läuft aus dem Mund des Ungeheuers, dass sich dampfend in den steinernen Boden frisst.

Der dritte und größte von ihnen sackt zu Boden. Gebrochen starrt er in das Antlitz Thalins. Tränen laufen ihm die Wangen herunter. „Nein, bitte!“, gibt er mit schluchzenden Lauten von sich. In Thalin sieht er die, vom Wasser aufgequollene Leiche eines Kindes. Eines Kindes, welches er selbst vor Jahren in blinder Raserei erschlug und dessen Leiche er schließlich im Fluss entsorgte. „Nein, bitte! Das hab ich nicht gewollt!“

Langsam läuft Thalin an ihnen vorbei auf Erin zu. Dieser schaut ihn verstört an, als würde er den Tod persönlich sehen. Blitzartig sticht Thalin mit einem seiner Wurfmesser in dessen Hals und schaut zu wie dieser röchelnd und blutüberströmt zusammenbricht, bevor er wieder im Dunkeln verschwindet.

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Thalin Moras