Spuren der Vergangenheit (The Legion of the Trusted)

Die Dämmerung brach herein und die einsetzende Dunkelheit würde der Gruppe schon bald einen sicheren Abstieg deutlich erschweren. Zudem ließ Felerian keine Zweifel aufkommen, dass er die Reise an diesem Tag nicht mehr fortzusetzen würde. Wenige Pfadwindungen bergab schlugen sie ihr  Nachtlager unter einem Felsüberhang auf, der sie vor herabfallenden Seinbrocken schützen sollte. Sie teilten wie immer die Wachen ein und versuchten auf dem moosbewachsenen Boden etwas Schlaf zu finden.

Doch als die Zeit für Xhorguls Wache gekommen war, gelang es Rift und Felerian trotz intensiver Bemühungen nicht, den Zwergen zu wecken. Fast so, als hätte die sture Seele des Zwergen seinen Körper verlassen. Die Morgendämmerung war längst der wärmenden Sonnenstrahlen gewichen, als Xhorgul seine Augen aufschlug und wie so oft mit bedeutungsvoller Mimik irgendetwas von „vergangenen Zeiten“, Mieneneingängen und Zwergenklans in seinen Bart brummelte. Er behauptete tatsächlich, Moradin hätte an seiner Stelle über die Gruppe gewacht. Letztlich bat er für die Pflichtverletzung der verschlafenen Wache und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten um Entschuldigung. Während Rift diese aufrichtig annahm, hüllte sich Felerian in Schweigen.

Nachdem eine weitere Stunde vergangen war, die Xhorgul für seine Gebete an Moradin benötigte, hoffte die Gruppe bald aufbrechen zu können. Der Zwerg bestand jedoch darauf, die höher Gelegene Rune erneut aufzusuchen. Doch ausser den Schatten einst mächtiger Magie konnte weder er, noch einer der Gefährten etwas von Bedeutung aufspüren.

Der weitere Abstieg erwies sich als weniger beschwerlich und verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Kaum hatten sie den Pass mit seinen nichtendenwollenden Windungen verlassen, wurde der Berg von einer hügeldurchzogenen Vorgebirgslandschaft abgelöst. Nicht unerwartet trafen sie auf Fenner. Der Halbork musste den Mar umgangen haben und erwartete sie bereits.

Am späten Nachmittag erreichte die Gruppe die von Felerian angelegte provisorische namenlose Grabstätte des Moradinanhängers. Langsam legte Xhorgul Stein für Stein den Leichnam frei. Er war ausser der bekannten Verletzungen weitestgehend unversehrt. Neben dem Wappenrock und dem von Felerian bereits beschriebenen Lederbeutel, ließen sich keinerlei Anzeichen für seine Herkunft finden: Spuren der Vergangenheit (The Legion of the Trusted)Ein schwarzer Drache mit goldgelben Brustschuppen und violetten Innenflügeln auf einem hellen Schild. Im Hintergrund wurde dieser von einem nach oben gerichteten roten Dreieckskeil geteilt. Der Schildzwerg trug weder Waffen noch Gold bei sich… Fenner vermutete aufgrund der Wundränder entlang des aufgerissenen Brustkorbs, dass dieser Trollen zum Opfer gefallen war… Um eine genaue Darstellung des Wappens zu bewahren, nahm Xhorgul den Lederbeutel an sich. Auf die Bitte des Moradinpriesters hin sammelte Fenner Brennholz, während der Zwerg den Körper des Namenlosen für seine letzte Reise vorbereitete… Xhorgul rezitierte die rituellen Gebetsverse des „letzten Abstiegs“ und setzte den sorgfältig aufgebahrten Leichnam in Brand. Die Flammen loderten blau und silberne Funken stiegen empor… Moradin schien sich dem Namenlosen Zwerg angenommen zu haben!

Die Gefährten umgingen den vor ihnen liegenden Wald am südlichen Rand. Nach mehreren Stunden Marsch erreichten sie die Gegend östlich des Flusses Delimbiyr, die ihnen Zytargo auf der Karte markiert hatte. Trotz einiger steiniger Hügel und vereinzelter Felsbrocken schien ein „Felsenkloster“ jedoch zunächst abwägig. Fragend machten sie vor einer von Hügeln umgeben Senke halt. Trotz Rifts mahnender Worte betrat Xhorgul die Senke.

Der Boden unter seinen Stiefeln erzitterte und ein tiefes Grollen ließ alle wie angespannt innehalten. Ein Strom blutrotes Licht schien aus den Tiefen hervorzubrechen und füllte die Senke. Diese schien sich zu wehren und innerhalb weniger Atemzüge bildeten sich unzählige Risse und Grater bis vor ihnen eine mit Symbolen des Abbathor gezeichnete Treppe aus Stein freigelegt wurde, die eine Einladung hinab in eine undurchdringliche Finsternis darbot. Die Gefährten starrten fassungslos und mit fragenden Blicken in Richtung des Zwergen.  Jetzt war es Xhorgul selbst, der mahende Worte brabbelte: „Abbathor ist ein Meister der Gier und wird nicht zögern, sich deiner eigenen heimlichen Wünsche und Träume zu bedienen! Hüte dich vor Versprechungen unverdienter und unredlich erworbener Macht und Reichtümer!“

Felerian zögerte nur kurz und machte sich daran, die  Stufen auf mögliche Trittfallen und Fallstricke abzusuchen. Langsam und doch entschlossen traten sie gemeinsam die kantigen Stufen hinab bis sie mit Eintritt in die Dunkelheit von einem Sog erfasst und in die Tiefen gezogen wurden.

Die Gruppe fand sich in einem quadratischen Raum wieder, in dessen Mitte eine mit dunklen Runen überzogene Steinscheibe in den Boden eingelassen wurde. In den Ecken der akurat aus dem Fels herausgearbeiteten Wände glommen auf verzierten Säulen vier Feuerschalen, welche den Raum in ein rötlich düsteres Licht tauchten. Die Erbauer hatten kaum eine Gelegenheit ausgelassen, den Stein mit Symbolen Abbathors zu verzieren.

Ätherischer LangfingerRift sprang überrascht zur Seite, als er im Augenwinkel eine mit unnatürlich langen Fingern bewährte Hand erblickte haben wollte, die sich gerade aus seinem Reisegepäck zurückzog. Trotz seiner Warnungen war nichts und niemanden erkennen. Doch nur wenige Momente später sollte es den Anderen nicht  Anders ergehen… Immer nur für wenige  Augenblicke konnten sie ein riesiges breites Maul mit Armen erkennen, dass sich kurz darauf in Nebel aufzulösen schien… Sie sammelten sich in der Mitte des Raumes Rücken an Rücken und Xhorgul sprach ein Gebet, das den steinigen Boden um die Gruppe mit unsichbaren schartigen Steinen zu überzog… Fenner, der sich zunächst zurückgehalten hatte, schien mittlerweile wütend ob der dreisten Diebstähle… Nach wiederholten Fehlschlägen gelang es mit vereinten Kräften zwei dieser merkwürdigen Wesen zu erschlagen. Zu Boden gezwungen gaben sie glücklicherweise ihr Diebesgut wieder preis.

Alle lauschten angespannt, um zu erfahren welches Dunkel in diesen Tiefen noch warten mochte . Aus der Ferne drang das Echo von kreischenden Lauten einer Echse zu Ihnen und hallte an den Wänden wieder…

MantelwesenEin Blick in den Gang offenbarte eine merklich höhere und weitläufigere kleine Halle, deren Decke durch Säulen aus Gitterstäben gestützt würde.  Xhorgul wollte gerade einen Fuss in die Halle setzen, als er eine Bewegung an der Decke wahrnahm und die Gruppe warnte. Erwartet und doch fast unbemerkt huschte ein Mantel aus Schatten über Felerian hinweg bevor Ihnen allen die Sicht genommen wurde. Der Rückzug in den Eingangsbereich änderte daran nichts… Mehrfach spürten sie einen Luftzug, der sich nur knapp an ihnen vorbei auf den Boden zubewegte… Fast zeitgleich wurden der Halbork und der Zwerg von einem der Schattenmäntel umschlungen. Irgendetwas nahm Ihnen den Atem und schnürte sich um Ihren Hals! Der Zwerg bekam den wabernden zuckenden Lappen zu fassen und zerschmetterte ihn auf dem Boden. Fenner verwandelte sich in ein Raubtier und beendete seinen Kampf wenig später ebenfalls siegreich und zerfetzte das Wesen in Stücke!

Die Säulen aus Gitterstäben entpuppten sich bei näherer Untersuchung als ehemalige Gefängniszellen, in denen vor Ewigkeiten verschiedenste Wesen einen qualvollen Tod erleiden mussten. Sie stießen auf Skelettreste von Menschen, Zwergen und nicht zu deutdenden Knochen…  Ein Skelett ließ Xhorgul  erschaudern: Ein Derro! Diese abgrundtief bösen unnatürlichen Geschöpfe des Unterreichs waren das Ergebnis von abartigen Experimenten und sollten diese Erde nach Ansicht des Zwergen nicht bevölkern!  Der südliche Teil der Halle schien eingestürtzt zu sein.

Die Gruppe drängte an der linken Wand weiter und schon bald kamen zwei Durchgänge auf der gegenüberliegenden Seite in Sicht. Felerian musste ein wundersames Gespür entwickelt haben, denn abermals erkannte und entschärfte er eine Trittfalle, die in die Bodenschwelle des ersten Durchgangs eingelassen war. Die dahinterliegende Wachstube hatte einst Platz für vielleicht ein halbes Dutzend Aufseher geboten. Verfallene Reste deuteten auf eine einstige Waffenkammer hin. Felerian schlich sich vorsichtig weiter… Die Gefährten konnten weder ihn, noch andere Geräusche ausmachen und erwarteten mit Spannung seine Wiederkehr… Diese folgte allerdings plötzlicher als erwartet. Nachdem er am Ende eines hastigen Rückzugs hinter Rift zum stehen kam, brachte er mit großen aufgerissen Augen ein atemloses „Käfer“ heraus. Wieder verharrten sie in wartender Anspannung und richteten ihre Blicke auf den schmalen Durchgang…

Die kräftigen Krabekrallen des mit Chitinplatten gepanzerten Käfers gruben sich durch die soliden Bodenplatten wie durch loses Erdreich. Als das Wesen in Xhorguls Rücken auftauchte, gelang es diesem gerade noch seinen Schild in einen schützenden Winkel zu kippen, doch nun war es der Zwerg, der mit weit aufgerissenen Augen einem Albtraum entgegen sah… Der meisterhaft gearbeitete Schild aus den Tiefen Hammerfalls verwandelte sich augenblicklich in Rost und fiel  in hunderten kleinen Bruchstücken zu Boden! Der Fluch eines jeden Schmieds! Die langen Fühler griffen um sich und doch starrte der Zwerg noch immer fassungslos zu Boden…

Die Gefährten setzten diesem Schrecken ein schnelles Ende, doch mit dem knackenden Geräusch des durch Fenners Keule zerberstenden Panzers spritzte eine zähflüssige Masse in alle Richtungen! Der schützende Stahl des mit Schienen verstärkten linken Stiefels des Zwergen fiel dem Käfer selbst nach dessen Tod zum Opfer!

rostmonster

Es dauerte eine Weile, ehe sie sich gesammelt hatten… Felerian berichtete, dass der Käfer eine mit Folterwerkzeugen bestückte Kammer bezogen hatte. Während Xhorgul den Versuch unternahm, seinen Stiefel notdürftig vor der völligen Zerstörung zu bewahren, durchsuchte der Halbelf den hinter dem zweiten Durchgang liegenden Raum und fand die schimmligen Überreste einstiger Schlafstätten.

In der südostlichen Ecke der kleinen Kerkerhalle hing ein merkwürdiger einzelner Stalagtit von der Decke, unter dem die Bodenplatten wie von Säure zerfressen waren. Es gab keinen Grund, sich diesem unnötig zu nähern und so beliessen sie es dabei.

Die Helden starrten eine Weile auf die scheinbar eingestürzte südliche Wand, bis sich diese als Trugbild entpuppte… Vor ihnen lag der Eingang in einen natürlichen Höhlenkomplex. Diesmal war es Rift, der sich in Frusgestalt voranwagte… Vereinzelte und von den mit Moos überzogenen Wänden gedämpfte klappernde Geräusche gaben erste Hinweise… Rift war es gelungen, scheinbar unbemerkt zurückzukehren. Er sprach von weishaarigen verschrobenen kleinen Wesen mit pupillenlosen Augen… Derro!

Die Gruppe stimmte ihr weiteres Vorgehen ab und traf Vorbereitungen für den aus Xhorguls Sicht unausweichlich vor ihnen liegenden Kampf. Der Zwerg ergriff seinen Kriegshammer mit beiden Händen und eilte an der beschriebenen Kreuzung wie verabredet in die westliche Kaverne. Ob sie ihre Geschäftigkeit nur vortäuschten, oder teuflisch schnelle Reflexe besaßen, blieb unklar… Beiden Derro gelang es, Ihre Waffen rechtzeitig zu ergreifen und noch bevor die Widersacher aufeinander traffen, wurde Xhorgul von einem Armbrustbolzen begrüsst, der jedoch wirkungslos in die hinter ihm liegende Höhlenwand einschlug. Die kurzen Klingen der Derro waren kaum geeignet, große Wunden zu verursachen und der Schlagabtausch war schnell entschieden. Doch obwohl nur zwei kleine Kratzer die Haut des Zwergen geritzt hatten, spürte er, wie sich eine anhaltende Schwäche in seine Adern fraß… Die Kampfgeräusche, die von Osten zu ihm drangen, zwangen ihn jedoch, diese vorerst zu ignorieren, um schnellstmöglich an die Seite seiner Gefährten zu eilen!derro

Die östliche Kaverne war von Marnarn geachwängert und der beissende Geruch von Ozon und Phosphor vertrieb auch die letzten Zweifel. Hier musste ein Magieweber sein Netz gesponnen haben! Der Kampf tobte in vollem Gange und eine Hand voll gefallene Feinde lagen mittlerweile regungslos über den Boden verstreut. Fenners Fell – er hatte abermals die Gestalt eines Raubtieres angenommen – qualmte von dem kurz zuvor aufflackerden Flammenschlag. Geifernd und zitternd kauerte Fenner über der in Roben gekleideten Leiche eines Derro und riss dessen Überreste in einer beängstigenden Rage mit seinen Klauen in kleine Stücke! Erst nachdem die heilenden Kräfte Moradins ihn durchströmten, schien sich der Halbork zögernd zu beruhigen.

Während Rift sich der Versorgung seiner Wunden widtmete, stand Felerian mit gezücktem Dolch und kampfbereit inmitten der Höhle und hielt nach weiteren Feinden Ausschau… doch das Ende dieser Schlacht hüllte die Kavernen vorerst in die Stille eines blutigen Sieges. Die östlichen Höhlen bargen Schlafstätten, eine Art Herrscherhalle, sowie eine kleine Kammer, in welcher die Gefährten ein zweites Teilstück  des rätselhaften Zwergenkonstrukts fanden… Auf den ersten Blick ebenso glatt und unscheinbar wie das Teilstück aus den Händen des Namenlosen.

Die Erlebnisse des Tages liessen die Gruppe mit unzähligen Fragen zurück. Wie passte all dies zusammen? Beim Betreten der Stätten Abbathors hatten sie mit Prüfungen des Glaubens und einem inneren Kampf der Versuchungen gerechnet…. Tatsächlich mussten sie sich lebendigen Widersachern stellen, die alle auf ihre ganz eigene Weise zu Fleisch gewordene Aspekte des Abbathorglaubens wiederspiegelten: unsichtbare gierige Langfinger, umschlingende Schatten, die neidvolle Zerstörung ehrlicher Handwerkskunst, sowie die unheilvollen Versuche durch Experimente die Regeln der Götter zu durchbrechen…

 

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