Na´estielNa´estiel

Prolog

Der zarte Klang des silbernen Glöckchens drang an Zyrthaas Ohren und riss sie aus ihren betrübten Gedanken.
Zu lange hatte sie gewartet, viel zu lange und ihre bislang im Zaum gehaltene Vorfreude explodierte förmlich. Pures Verlangen flutete durch ihr Inneres und schickte heiße Wellen des Begehrens in ihren Schoß.
Drei schnelle Schritte brachten sie zum Fenster. Vorsichtig schob sie den chiffongelben Seidenvorhang ein kleines Stück beiseite und spähte hinab in den prächtigen Garten ihres Vaters. Ihre grünen Augen suchten im Schein des diffusen Lichtes der magischen Lampen, die den Garten auch zu dieser späten Stunde noch erlebbar machten, nach der Quelle des süßen Klangs. Nichts rührte sich, nur das Wasser rann leise plätschernd die Kaskaden des mannshohen Basaltbrunnens hinab. Ihr Blick zuckte von links nach rechts, suchte die Schatten nach einer verräterischen Bewegung ab. Vergebens. Sie öffnete den Vorhang nun etwas weiter um sich ein größeres Blickfeld zu verschaffen. Aber auch nachdem sie sich aus dem Fenster gelehnt hatte blieb ihr verborgen was sie suchte. Hatte sie sich getäuscht? Hatte sie den Klang des Glöckchens tatsächlich vernommen, oder hatte sie das nur geträumt? Wehmütig seufzend stützte sie ihre Ellenbogen auf dem Fesnstersims ab, legte ihr Kinn auf ihren Handflächen ab und starrte enttäuscht in den Garten.

Von seinem hervorragend gewählten Beobachtungsposten aus beobachtete Na´estiel die nun entmutigt wirkende Zyrthaa und konnte das ihm so eigene, schelmische Gekicher kaum noch zurückhalten. Seine Augen glitzerten bei ihrem Anblick, er war hoffnungslos verliebt.
Es war in einem der Flure des Hauses ihres Vaters gewesen, vor sieben Wochen und drei Tagen, als er sie zum ersten mal gesehen hatte. Damals war er auf dem Weg zum Meister seiner Gilde, Zyrthaas Vater, gewesen um den wöchentlichen Rapport zu erstatten. Die drei Eunuchen die Zyrthaa praktisch rund um die Uhr bewachten, warfen ihm finstere Blicke zu, als sie bemerkten wie Na´estiel ihre Schutzbefohlene anschmachtete. Seit diesem Tage waren sie sich näher gekommen. Sie hatten sich heimlich in der luxuriösen Badeanstalt die Zyrthaa regelmäßig besuchte und auf dem großen Basar getroffen oder einfach da, wo es gerade irgendwie möglich war ein paar kurze Worte aber dafür um so längere Küsse auszutauschen.
Die Angst, von ihren Beschützern bei ihren Techtelmechtel erwischt zu werden, schwebte stets drohend wie das Schwert eines nach Gerechtigkeit heischenden Paladins über ihnen. Doch mit der Zeit verflog die Angst vor Entdeckung und Na´estiel nahm immer größere Risiken auf sich. Heute wollten sie sich das erste mal in den privaten Gemächern Zyrthaas treffen. Ein Risiko, das Na´estiel mit dem Gedanken an das weiche Bett in ihren Räumen nur zu gerne einging. Er war noch nie besonders vorsichtig, wenn es um etwas ging, das er unbedingt wollte…

Das Türschloss stellte nicht wirklich eine großere Herausforderung für den schwarzhaarigen Calishiten dar und
Na´estiel trat in den düsteren Gang, der einmal rund um den Garten des Anwesens führte. Von hier aus sollte es ein Kinderspiel werden in die oberen Stockwerke zu gelangen.
Eine geschwungene Treppe, zwei Ausweichmanöver vor Wachen und drei kleine goldene Gegenständen (die in Na´estiels Gürteltaschen verschwanden) später, hatte er das Stockwerk, das unter den Privatgemächern lag, sicher erreicht und freute sich ob seines Glücks über den reibungslosen Ablauf. Er schlich, seinen Rücken an die steinerne Wand gepresst, eine weitere Treppe nach oben. Vorsichtig. Stufe für Stufe. Darauf bedacht keinen Laut von sich zu geben und immer wieder lauschend ob jemand kam, erreichte er den ersten Treppenabsatz.
Ein Luftzug an seinem Ohr lies ihn erschrocken herumfahren. Die beiden gehässig lachenden Imp´s die hinter ihm erschienen starrten ihn aus ihren teuflischen Augen an. Ihre mit einer gemeinen Spitze versehenen Schweife zucken gleichzeitig nach vorne und bohrten sich in Na´estiels Hals. Er zuckte mit einem Schmerzensschrei zurück, doch es war zu spät. Das Gift der teuflischen Haustierchen von Zyrthaas Vater tat bereits seine Wirkung. Die Beine des jungen Überlebenskünstlers gehorchten ihm nicht mehr. Er wandte sich zur Flucht und zwei wackelige, ungelenke Schritte später stürzte Na´estiel, unter dem schadenfrohen Gelächter der kleinen Teufel, die Treppe hinunter. Sein Kopf schlug wiederholt und äußerst hart gegen die steinernen Stufen.
Schwärze umfing ihn.

Dunkelheit… Schmerzen… Durst…
Na´estiel schlug erschrocken die Augen auf und stöhnte ob der bitteren Schmerzen die durch seinen Körper zuckten. Er hing an einer Kette, die Handgelenke in eisernen Ringen gefangen und schmerzhaft in sein Fleisch schneidend. Seine Füße baumelten gut zwei Hand breit über dem Boden. Es stank nach Blut, Pisse und Erbrochenem…vermutlich alles von ihm. Er versuchte durch seine geschwollenen Augen etwas zu erkennen, doch im Schein der entfernten Fackeln konnte er nur nackten Fels und eiserne Gitterstäbe erkennen. Panik erfasste ihn. Er zappelte und riss an seinen Ketten, was noch größere Schmerzen hervorrief. Blut lief an seinen Armen herab, tropfte ihm auf den Kopf und in seine Augen. Er wurde erneut ohnmächtig.

Ein gut gezielter Eimer eiskaltes Wasser lies ihn wieder erwachen. Immer noch von der Decke baumelnd hatte sich seine Situation nicht wirklich verbessert. Sein Gefängnis war nun heller, mehrer Fackeln erhellten das etwa 20 m² messenden Kellerverlies.
Ein kleiner Tisch stand etwa zwei Meter von ihm entfernt. Ein hageres, kleines Männlein stand dahinter und legte in aller Ruhe eine armdicke, lederne Rolle auf dem Tisch ab. Na´estiel kannte diesen Mann, zumindest vom Sehen, er war einer der engsten Vertrauten des Gildenmeisters. Erneut biss sich die Panik in ihm fest und er hätte am liebsten laug geschrieen. Doch alles Betteln und Jammern half nichts. Unter mahnenden Worten und der Verkündung, das er ob seiner lästerlichen Frechheit langsam und unter großen Schmerzen sterben würde, bohrten sich Nadeln in seinen Körper, knabberten Zangen an seinen Gliedmaßen und schnitten Messer brennend Wunden in sein Fleisch.

Er wusste nicht wieviel Zeit vergangen war. Tage, Wochen, oder doch nur Stunden? Die Schmerzen, das Blut, der Gestank und das verschwommene, gefühllose Gesicht seines Folteres machten es ihm unmöglich die Länge seines Martyriums abzuschätzen. Eigentlich war es auch nicht wichtig. Er wollte nur endlich sterben, doch er wusste, dass der Mann mit den Zangen noch nicht mit ihm fertig war. Was würde noch kommen? Welche Schmerzen musste er noch durchstehen? Man hatte ihm bereits mit einer glühenden Nadel das linke Auge herausgebrannt. Vermutlich fehlten ihm auch schon ein oder zwei Zehen, was er aber nicht genau sagen konnte, da er einfach zu schwach war um seine Beine anzuheben, sodass er sie betrachten konnte. Die täglichen Peitschehiebe mussten seinen Rücken mittlerweile übel zurichtet haben und die scharfen, mit kleinen Sägezähnen besetzten Messer schnitten immerzu tiefe, brennende Wunden in alle anderen Teile seines Körpers.
Na´estiel war das mittlerweile fast egal. Er hatte mit sich und seinem Leben abgeschlossen. Das schlimmste war, dass sich Zyrthaa kein einziges mal hatte blicken lassen. Wusste sie überhaupt wo er war? Die Ungewissheit zerfrass ihn. Er hoffte auf den Tot, doch die kalten Augen des kleinen Mannes vor ihm, der so genau zu wissen schien wo er schneiden, reißen, bohren und brechen musste, ohne das Subjekt seiner unmenschlichen Arbeit zu töten, sagten ihm eindeutig, dass es noch nicht vorbei war.
Die Tage vergingen. Die Schmerzen blieben. schnipp-schnapp
Zeit wurde nebensächlich, trat in den Hintergrund, verlor jegliche Bedeutung. schnipp-schnapp, schnipp-schnapp

Lärm drang in Na´estiels Bewusstsein und weckte ihn. Sein Folterer kam wohl wieder. Was sonst. Er versuchte sein verbleibendes, klebriges Auge zu öffnen. Das Licht stach wie Nadeln in sein Hirn, drohte seinen Kopf platzen zu lassen. Er gab es auf. Alles was er sehen würde war es nicht wert gesehen zu werden. Er schlief ein.
Erneut wurde es laut um ihn. Er konnte Schreie hören und wie Metall auf Metall schlug. Jemand brüllte schmerzerfüllt auf. Dann Ruhe. Eine der Zellentüren quitschte. Wieder Ruhe. Zwei Stimmen sprachen leise miteinander. Jemand stieß ihn an und Na´estiel zuckte kurz zusammen. Wieder eine leise Unterhaltung. Kettengerassel. Na´estiel spürte wie er fiel. Der Aufprall auf dem Boden raubte ihm das Bewusstsein.

Als er wieder erwachte hatte sich etwas verändert. Seine Schmerzen waren noch da, doch er hatten den Eindruck nicht mehr an einer Kette von einer Decke zu baumeln. Seine Arme schmerzten unerträglich, genauso wie der komplette Rest seines Körpers. Etwas warmes, gut riechendes wurde ihm in den Mund gekippt. Er verschluckte sich und hustete. Eine beruhigende Stimme sprach zu ihm. Er konnte die Worte zwar nicht genau verstehen, doch taten sie ihm gut. Er öffnete sein Auge, das abgedunkelte Licht war erträglich. Das zerfurchte, aber freundliche Gesicht einer alten Frau sah ihn lächelnd an. „Sei gegrüßt, Feind meines Feindes…“

Na´estiel