Diese miesen Viecher. Wie soll ich mitten in der Nacht, während meiner Wache, nach einem so auszehrenden Kampf ihre kryptischen Nachrichten verstehen? Die Zeit des Siechens? Wenn sie das nächste Mal vorbeikommen mache ich Ihnen erst einmal klar, dass wenn sie meine Hilfe wollen, sie auch klar und deutlich mit mir zu reden haben. Und ich weiß immer noch nicht, wer sie eigentlich schickt und mir diese… egal.

Es ist wichtigeres passiert als das. Anscheinend fehlt immer noch das Vertrauen in der Gruppe mir und den anderen gegenüber, denn Neris hat sich während Ihrer Wache, ohne uns davon etwas zu erzählen, auf in den Wald und in Richtung Küste gemacht. Hätte Baum uns das nicht erzählt, dann würden wir sie wahrscheinlich immer noch suchen. Natürlich brach eine Diskussion in der Gruppe aus. Diesmal war Romero erstaunlicher Weise auf meiner und Bee auf der anderen Seite, aber ich glaube wir haben sowieso nur aneinander vorbei geredet. Romero machte klar, dass sie uns wenigstens hätte Bescheid geben können und Bee verteidigte ihre Entscheidung so schnell wie möglich sich in Richtung Heimat aufzumachen. Während unsere Gruppe also wieder mal dem alten Trott verfiel, passierte etwas unerwartetes. Zum ersten Mal, seitdem ich ihn kenne, könnte ich meinen, Gefühle in Baums Worten gehört zu haben. Ich bin mir auch sicher, dass es die eindeutige Trauer und die Unsicherheit in seiner Stimme waren, die uns alle dazu brachte unsere Zwistigkeit zu beenden.

Ich weiß nicht ob es diese plötzliche Überraschung war, aber genau in diesem Moment wurde mir klar, dass wenn wir als eine funktionierende Truppe hier etwas erreichen wollten, wir uns gegenseitig vertrauen müssen und auch persönliche Umstände nicht ignorieren dürfen. Ich zögerte noch, aber nach einer weiteren Minute, die sich wie Stunden anfühlte, entschloss ich den anderen von meiner persönlichen Aufgabe hier zu berichten. Ich zeigte ihnen meinen Verlobungsring und genau schon wie am Abend zuvor zu Romero, berichtete ich Ihnen von Thia und der Notlage in der sie und ich uns befinden. Schon nach den ersten Sätzen versuchten die ersten, zu denen auch Baum zählte, mich zu unterbrechen und ich konnte mir schon denken, worum es gehen würde. Ich bereute schon bevor ich fertig war mit reden, dass ich es Ihnen erzählt habe. Ich entschuldigte mich noch, dass ich sie auf unprofessionelle Weise in meine persönlichen Angelegenheiten hineinziehen wollte und machte mich bereit mich ihren Vorwürfen zu stellen. Aber es kamen keine Vorwürfe. Ganz im Gegenteil. Baum wollte mir anscheinend, seit dem Beginn meiner Ausführungen, seine Unterstützung anbieten. Und genauso kam von den anderen eher Verständnis als Verurteilung. Ich weiß jetzt noch nicht, was ich davon halten soll, aber es half mir auf jeden Fall zu wissen, dass die anderen mich auch bei meinem persönlichen Anliegen unterstützen. Außerdem machte das Wissen den restlichen Weg zur Festung wesentlich einfacher.

Gerade einmal wenige Stunden später, kamen wir dann auch bei der Festung Beluarian an. Rokah schien auch schon voller Tatendrang zu sein und da dachte ich mir, dass es kaum eine bessere Zeit als jetzt gäbe meine Unklarheiten ihm gegenüber zu beseitigen.
Romero und ich begannen ihn auszuhorchen und Fragen wegen seiner dubiosen Geschäftsverbindungen zu stellen. Auf diese spontanen Fragen konnte er dennoch selbstsicher antworten und ich muss gestehen, dass selbst meine Zweifel, die ich bei unserer ersten Begegnung noch hatte, aus dem Weg geräumt wurden.

Nachdem er uns dann auch die 50 Gold für die Entdeckerlizenz zukommen lies, wendeten wir uns dem Fort zu. Dafür, dass es soweit draußen in einem der gefährlichsten Orte die ich je gesehen habe steht, ist es eine sehr beeindruckende Festung. Eine gut drei bis vier Meter hohe Palisade umgibt das gesamte Fort und wird nur gut alle 100 Fuß von einem Wachturm unterbrochen. Schon außerhalb der Palisade konnten wir dann auch ein zweites inneres „Fort“ wahrnehmen. Dessen Mauern wuchsen noch weiter in die Höhe und sind mit einem Dach überzogen, welches das gesamte innere Gebiet überdeckt und wie eine Festung erscheinen lässt. Der Soldat in mir suchte natürlich sofort nach Schwachstellen, aber die sollten wir nicht benötigen. Zumindest noch nicht…

Das Haupttor der Festung Beluarian

Am Tor wurden wir dann kurz von Wachen aufgehalten, welche uns nach ein paar einfachen Fragen aber auch schon passieren lies. Als wir das Haupttor passierten, wurde uns schnell klar, dass das Innere der Festung den Mauern in nichts nachstand. Ich würde sogar behaupten, dass der Innenhof noch beeindruckender für die Umstände war. Man konnte hier alles von den Kasernen über Gärten bis hin zu einer Handelsstraße finden, in welcher wir wahrscheinlich auch zwei unserer Gruppenmitglieder verloren haben müssen, denn Bee und Fitz waren spontan nicht mehr zu finden.

Romero, Baum und ich sind uns sicher, dass sie hier nicht verloren gehen sollten und haben uns deshalb schon einmal in Richtung Burg aufgemacht. Ich empfand schon fast so etwas wie Freude bei dem Gedanken, dass wir unser erstes Ziel erreichen würden und das Ende meines Auftrag und besonders meine Geliebte mir wieder einen Schritt näher rücken würde. Aber solche Gefühle lässt dieses Land nicht zu und wir trafen anstatt auf die Herrin der Festung, auf eine Frau die unsere Hilfe benötigt. So weit so gut, wir haben schon andere in unserer Gruppe, die unsere Hilfe benötigen und solange sie mich nicht von meinem Ziel abhält, können wir sie gerne unterstützen. Dachte ich, bis ihre sie ihren Mund aufmachte. Ich hatte mich gerade einmal vorgestellt und ihre ersten Worte mir gegenüber waren, dass sie Soldaten und die Armee nicht ausstehen kann. Ich versuche wirklich mich hier in diesem fremden Land vorbildlich zu verhalten und keine Schande über die tethyrianische Armee zu bringen, aber wenn jemand, der meine Unterstützung benötigt, als Reaktion auf meine Begrüßung mir sagt, dass sie mich und meinen Berufsstand nicht ausstehen kann ANSTATT sich selber vorzustellen… Ich hasse dieses Land jeden Tag ein bisschen mehr. Zumindest sitze ich hier jetzt im trockenen in der Burg und komme sogar dazu, ein paar Worte zu schreiben. Vielleicht wird demnächst ja alles besser.

Das Tagebuch eines Soldaten: Ein erstes Ziel erreicht und eine Kameradin verloren (Raven Guard)

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