Alina von der Morgenweide

Bis zu ihrem 16. Geburtstag wurde Alina mit allem umsorgt was sich ein Kind bzw. ein junger Erwachsener in Westgate nur wünschen konnte. Aber eines fehlte Ihr und ihrem Zwillingsbruder Rohan. Die Möglichkeit eigene Erfahrungen zu machen. Selbst Fehler zu begehen oder einen Erfolg zu erringen der nicht von Anfang an erwartet wurde.

Zur Mittsommerfeier an ihrem 16. Geburtstag schlichen sich die beiden davon. Sie feierten die ganze Nacht und erlebten einen Rausch von Gefühlen. Anfangs noch schüchtern und zurückhaltend wurde in Alina mit jedem neuen Gefühl das Verlangen größer. Ein Verlangen das sich sobald nicht stillen lassen sollte. Jedes neue Gefühl, jede neue Erfahrung schien bloß die Vorspeise für den Hauptgang zu sein. Lediglich ihr Bruder gab ihr in dieser Zeit noch etwas Halt.

Als Rohan jedoch nach Cormyr geschickt wurde brach für Alina eine Welt zusammen. War ihr Zwilling nicht nur ihr Bruder, sondern auch ihr bester Freund. Derjenige mit dem sie ihre Sorgen und Nöte nicht nur teilen konnte, sondern der sie ihr oft schon ansah. Derjenige aber auch mit dem sie Freuden teilen konnte. Und nun war er fort. Zwar spürte sie noch das Band das sie beide verband, aber die Meilen die zwischen den beiden lagen lasteten schwer auf ihr.

Nur halbherzig folgte sie noch den Ausführungen ihrer Lehrer. Wenig Interesse maß sie der politischen oder merkantilen Erziehung bei. Immer mehr lebte sie nur noch für die Nacht. Sobald Sunes hinter den hohen Türmen Westgates verschwand begann für sie das Leben. Sie schlich sich hinaus und ließ ihren Namen ihre gute Kleidung und ihre Erziehung hinter sich. Sie wollte leben. Und leben das hieß in dieser Zeit für sie jede Berührung, jede Emotion, jeden Sinnesreiz so intensiv als möglich zu erleben. Im Winter gab es Nächte wo sie halbnackt und blaugefroren nach Hause kam. Aber sie war glücklich. Hatte sie doch gefühlt das noch Leben in ihr ist.

Immer mehr versank sie in ihren nächtlichen Ausflügen. Bald reichte es ihr nicht mehr sich durch die Gassen der Nobelviertel zu schleichen. Und so blieb es nicht aus das es erst zu Prügeleien und dann zu Messerstechereien kam. Zwar war es nicht ihr Ziel zu kämpfen, aber das heiße Gefühl zu kämpfen entwickelte sich zu einer Sucht. Und bald blieben auch Schwerverletzte nicht aus. Während sie tagsüber den Rausch der Gefühle ausschlief, suchten die Wachen in den Elendsvierteln nach einem Verbrecher der sich an Freiern verging.

Später wurde Alina klar das sie in dieser Zeit kurz davor war den Halt komplett zu verlieren. Es waren nur zwei Ereignisse die ihr ihren endgültigen Weg weisen sollten. Das eine war ein Brief ihres Bruders. Er berichtete ihr in glühenden Worten über seine Gefühle als er und sein Schwertmeister ein Dorf vor plündernden Goblins retteten. Vor allem die Dankbarkeit der Bewohner hatte es ihr angetan. Dieses Gefühl hatte sie auf keinem ihrer Ausflüge kennen gelernt. Klar war der eine oder andere ihr dankbar gewesen als sie sich ihm hingegeben hatte. Aber das war irgendwie nicht vergleichbar. Das zweite Ereignis war ein Traum. Sie träumte von einer grauen Katze die über die Dächer Westgates tanzte. Immer wieder sah sie die Katze, wie sie sich in immer haarsträubendere Abenteuer stürzte. Wie sie sich mit großen Hunden anlegte und sich am Ende ihrer Abenteuer zu einer dunklen in leichte Gewänder gekleidete Frau legte. Immer näher legte sie sich zu der Frau und ließ sich streicheln, bis die Frau die graue Katze in den Arm nahm und ihr lachend das Genick brach.

Schweißgebadet und zitternd erwachte Alina. Ihr war klar, dass der Traum mehr als nur eine Warnung war. Er war ein Omen. Verängstigt machte sie sich auf in den Tempel Sunes. Die Deutung des Traumes viel relativ eindeutig aus. Zu sehr erinnerten die Bilder an den beinahe Mord von Shar an Sharess. An einem kleinen Schrein von Sharess in Sunes Tempel fand Alina auch zum ersten mal seit Monaten wieder etwas Frieden und Ruhe. Sie wusste nun wie sie ihre Zukunft gestalten wollte. Sie akzeptierte das sie wie die neugierige Katze war. Voller Sehnsucht nach Abenteuern und neuem. Aber sie erkannte auch das sie die Krallen der Katze brauchte um sich vor der dunklen Tänzerin zu verteidigen. Und vielleicht auch um eines Tages andere zu verteidigen.

Die folgenden Gespräche mit ihren Eltern waren ihre bis dahin schwerste Prüfung. Musste sie ihnen doch begreiflich machen das sie lieber auf Abenteuer ziehen wollte als in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Zu ihrer Überraschung waren diese zwar überrascht und nicht unbedingt erfreut, aber sie ermunterten sie ihren Gefühlen zu folgen, um ihren Platz im Leben zu finden.

In Westgate schloss sie sich einer Karawane nach Baldurs Gate an. Offiziell reiste sie als Geliebte eines der Kaufleute. Inoffiziell hatte er sie als Leibwächter angeheuert da er ein wertvolles Artefakt bei sich trug. Angeblich sollte es in der Lage sein Untote Wesenheiten zu schwächen und zu zerstören. Zum Leidwesen der Karawane war es allerdings auch mit einem Fluch bedeckt. Dieser Fluch sorgte dafür das bald Untote hinter der Karawane her waren. Als erstes tauchten Skelettfledermäuse auf. Mit Brandpfeilen konnten diese noch relativ einfach vertrieben werden. Doch schon in der darauffolgenden Nacht griffen die ersten Skelletkrieger das Lager an. Alina spürte in sich das heiße Feuer der Wut als sie sich den Skeleten entgegen stellte. An der Seite ihrer Mitreisenden hatte sie das erste mal das Gefühl da zu sein wo sie hin gehört. Sie hatte das Gefühl nicht mehr allein zu sein. Gemeinsam schlugen sie den Angriff der Skelette zurück.

Als sie tagsüber im Wagen ruhte hatte sie wieder einen Traum. Wieder erschien ihr die kleine graue Katze. Doch diesmal erkannte sie sich selbst in der Katze die dort mit Horden von untoten Mäusen kämpfte. Als sie erwachte fühlte sie eine neue innere Stärke. Etwas war in ihr erwacht und dieses etwas würde ihr Kraft geben. Sie schwor sich das sie diese Kraft dazu einsetzen würde etwas Gutes zu tun.

Nach dem Erwachen sprach der Kaufmann mit ihr. Er dankte ihr für die nächtliche Hilfe, wies aber auch darauf in das es wahrscheinlich noch nicht die letzte Begegnung mit den Untoten gewesen wäre. Daraufhin überreichte er Alina ein Paket. „Dies ist von deinen Eltern,“ sagte er, „ein Geschenk für deinen neuen Weg. Eigentlich sollte ich es dir erst in Baldurs Gate überreichen. Aber ich glaube es wird dir heute Nacht bessere Dienste leisten.“

In dem Paket befand sich ein Brief ihrer Eltern.

„Liebe Alina,

wenn du diese Zeilen liest bist du entweder schon in Baldurs Gate oder du hast deine erste Bewährungsprobe bereits hinter dir. So oder so, es liegen Gefahren vor dir und du hast bewiesen das du mit Gefahren umgehen kannst. In dem Paket findest du einige Dinge die dir helfen werden. Als erstes ist da das Kettenhemd deiner Mutter. Da ihr von ähnlicher Statur seid, sollte es dir gut passen und dir gute Dienste leisten. Des weiteren findest du zwei Unterarmklingen. Deine Lehrer haben mir berichtet das du im Kampftraining immer öfter versucht hast die Kampfweise einer Katze zu imitieren. Vielleicht helfen sie dir dabei. Dann findest du ein Paar Stiefel die dir helfen im Kampf einigen Schlägen auszuweichen.

Auch wenn du einen anderen Weg gehst als wir gehofft haben. Wir lieben dich.

Deine Eltern“

In der folgenden Nacht griffen die Untoten wieder an. Diesmal wurden sie von einem dunklen Kleriker angeführt der sie mit seiner Macht erfüllte. Die Wachen der Karawane schienen zuerst hoffnungslos unterlegen. Doch als sich Alina und zwei Krieger ihren Weg in Richtung des Klerikers bahnten wendete sich das Blatt. Als dieser die drei auf sich zukommen sah begann er sie zu verfluchen. Seine Skelette stellten sich den dreien in den Weg. Während sich die Krieger den Skeletten widmeten lief Alina den Schlägen ausweichend auf den Kleriker zu. Dieser versuchte sie in Furcht zu versetzen, aber die heiße Glut die der Kampf in ihr entfacht hatte half ihr dem Zauber zu widerstehen. Als sie vor ihm stand griff sie ihn mit beiden Unterarmklingen an. Dem ersten Angriff konnte er noch mit seinem Schild abblocken. Doch der zweite erwischte ihn am Oberarm. Seine Versuche Alina zu treffen missglückten, da Alina im ständig auswich. Als er schon mehrere leichte Treffer einstecken musste versuchte er sich Alina mit einem Zauber vom Leib zu halten. Doch der Moment den er brauchte um sich auf das Gebet zu konzentrieren reichte ihr um seine Verteidigung zu durchbrechen. Mit einem Schrei sank er in sich zusammen. Mit dem Tod des Klerikers schwand auch die Stärke der Skelette und bald war der Kampf vorüber.

Als der Morgen graute ließen die Kaufleute ihre tapferen Beschützer hochleben. Die nächste Nacht würden sie in einem Gasthaus verbringen und feiern.

 

Charakterbogen_Alina

Alina von der Morgenweide