Lokinor Mavr Orothiar

Gerufen Loki. Lokinor war der Name des Großvaters, Mavr der Namen der Mutter, welche bei der Geburt verstarb, Angehöriger des Klans Orothiar.

Der Zwist, ausgelöst durch ökonomische Interessen an Handelswegen und Abbaugebieten, zwischen den zwergischen Siedlungen entlang der Mine des Mantelwaldes, ließ ihn ohne überlebende Verwandte zurück.

Der Zwist, der weder in der akademischen noch der zwergischen Geschichtsschreibung mehr als eine Fußnote einnimmt, lehrte ihn im Alter von 12 Jahren, die Vergänglichkeit der Dinge und die Grausamkeit der Welt kennen.

Der Zwist, der ihn lehrte, dass nicht die Schurken aus den Märchen seines Volkes, die Orks oder Elfen oder Menschen, zwangsläufig die Bösen sein müssen, führte ihm zu einem sehr frühen Zeitpunkt seines Lebens vor Augen, was Zwerge einander antun können, was „Bundesgenossen“ einander antun können, was Blutsvettern einander antun können.

 

Es ist tiefe Nacht in der Zitadelle Feldbarr, die Maschinen kühlen, die Schmieden ruhen sich von der Geschäftigkeit des Tages aus, die Bürger seiner königlichen Hoheit Morinn und ihrer königlichen Hoheit  Tithmel, der Allvater Moradin beschütze ihre Tage und ihre Geschicke, drehen und wälzen sich in ihren Betten und genießen die Ruhe.

Eine Ruhe die ihnen nicht zuletzt der königlich-zwergische Nachrichtendienst Narûn sichert. Die Mitglieder des Narûn, die Nimroth, sind das was der Name über sie verrät: schwarze, räudige Hunde. Ein verschworener Haufen, fremd im eigenen Land, ungeliebt, gefürchtet, gemieden. Ein Jeder begegnet ihnen mit Misstrauen und mit Misstrauen begegnen sie einem jeden der das Pech hat, der Staatsraison Feldbarrs in die Quere zu kommen. Man munkelt, dass sie nicht nur Informationen sammeln oder zu politischen Zwecken weitergeben, sondern ein Netzwerk unterhalten, dass Gegenspionage, Verleumdung, politischen und tatsächlichen Mord im Portfolio führt.

Wie Henker in mittelalterlichen Städten werden auch die Nimrôth gemieden. Der Umgang mit ihnen  gilt nicht zuletzt deswegen als anrüchig, dass man sich erzählt, sie würden nicht davor zurückschrecken mit schäbigem magischem Hokuspokus ihr Umfeld zu manipulieren.

 

Im Hauptgebäude des Narûn also, lieber Leser, brennt noch Licht.

Im flackendernden Dämmerlicht einer erlischenden Kerze sortiert Lokinor seine Unterlagen, archiviert Geständnisse und Spitzelinformationen,  heftet geschwärzte Befehle ab, verwaltet das gewissenlose Uhrwerk hinter der Narûn. In diese Arbeit vertieft hatte er gar nicht gemerkt, wie sich Ulldin, Hauptmann, im Türrahmen aufgebaut hatte. „Es ist soweit, Grimm.“ In nachdenkliches Grübeln entführten Loki diese Worte und die Erinnerungen überkamen ihn, ehe er sich umdrehte. „Grimm“, Khazdul für „Wolf“, so nannten sie ihn, seit der Sache mit dem diplomatischen feldbarrschen Gesandten Vikram Tor-Karnett, dessen Mörder er erst aufgespürt und dann in kleinen Teilen an deren Familien gesandt hatte.

Ehe er zur Narûn kam da…

Sein täglich Brot verdiente er sich als freier Söldner für die unterschiedlichsten Dienstherren und führte eher das Leben eines schäbigen Banditen, denn das eines ehrbaren Zwerges.

Über wundersame und glückliche Umstände gelangte Loki in den Dienst von Eirikir Blodaxt, einer Mentorfigur, welche seinem Dasein neuen Sinn und Richtung gab (würden kritische Zungen von Manipulation reden?). Unter diesem diente er vorerst in der Panzerträgerbrigade „Brunhild“, als Waschlappen, dann als Made, ehe er sich schließlich zum Wurm hochgearbeitet hatte. Er wurde jedoch in diesem Haufen irgendwann herzlich aufgenommen und verlor sein eigenes Herz an diesen beinharten Trupp.

Und schließlich fand in der Zitadelle Feldbarr eine neue Heimat.

Ein Zuhause.

Ein richtiges Zuhause.

„Der Marschbefehl liegt vor. Es geht in den Süden, Meri (Khuzdul – „Freund“).“ weckte ihn Ulldin aus dem Grübeln, der immernoch im Türrahmen stand. „Nach Baldurs Tor. Hinter den hohen Wäldern und hinter dem hohen Moor. Es soll zauberhaft sein in dieser Zeit des Jahres.

Du wirst es hassen.“

Donnernd lachend stellte er eine Flasche des heimischen Schwarzgebrannten auf den Tisch. Eine aus dem Jahr, als König Morinn noch in die Windeln geschissen hatte . Ein guter Jahrgang, zumindest für Schnaps.

Dass sein Job – und Moradin weiß: er liebte seinen Job – ihn zwangsläufig zu einem Ausgestoßenen machte, interessierte Loki nicht ein Stück Menschenstahl, da Loki niemanden mehr hat, dessen Ruf er in Mitleidenschaft ziehen könnte. Die Dinge, die Loki etwas bedeuten, sind sehr überschaubar geworden: Die Familie, die Narûn, und die Staatsraison Feldbarrs, die Interessen des Königspaares und der Bürger zu wahren.

„Die Jungs warten unten, Loki, pack deine Sachen in aller Ruhe und dann komm.“

Also setzte er sich einen letzten Abend mit der Familie zusammen. Ein Geächteter unter Geächteten. Und sprach die alten Worte.

Sie sprachen die alten Worte und tranken Feldbarrer Schwarzgebrannten.

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