Geschichte Marla´s:

Sie konnte es kaum glauben. Ihre Eltern waren nicht ihre richtigen Eltern und ihr Bruder nicht ihr richtiger Bruder. Ein Kloß machte sich in ihrem Hals breit, als sie daran dachte, wie sie das herausgefunden hatte. Es war ein Zufall und ein dämlicher noch dazu.
Zu ihrem 18ten Geburtstag und das war erst ein paar Tage her.
Wie immer konnte sie kaum schlafen in der Nacht davor, aber das war nichts neues, denn jedes Jahr war es das Gleiche:
kaum eingeschlafen machte sich der jährlich wiederkehrende Alptraum breit… sie war alleine – ganz alleine lag sie auf unbequemen Holz und Wurzeln… sie hörte nichts – gar nichts nachdem es eben um sie herum noch so laut war… viele Leute weinten und schrien, nur sie lag ganz still da und rührte sich nicht… dann nimmt sie etwas oder jemand hoch und flüstert ihr zu, dass alles in Ordnung sei … sie solle sich keine Sorgen machen, alles wird gut… sie wusste, es war jemand anderes als sonst… es roch anders und es fühlte sich anders an als vorher… dennoch fühlte sie sich geborgen…- dann wachte sie immer auf… Schweiß gebadet, atemlos und irritiert, denn die Stimme die sie hört, ist die ihrer Mutter… die nicht ihre Mutter war, wie sie erfahren hat.
Zufällig ging sie am Schlafzimmer ihrer Eltern vorbei und hörte sie reden „wir müssen es ihr sagen“, dies war die Stimme von ihrem Vater, aber er klang besorgt und gar nicht so freundlich wie sonst. „Ja, ich weiß, aber wie sagt man ihr, dass wir nicht ihre Eltern sind, sondern dass wir sie gefunden haben? Zwischen all diesen Leichen, inmitten ihrer toten Familie? Sag mir… wie kann man das einem Mädchen, das so lieb und brav und klug ist nur schonend beibringen?“ ihre Mutter klang traurig und so, als hätte sie geweint.
Dann bemerkten sie, dass Marla vor ihrer Zimmertür stand. Regungslos stand sie da, wie angewurzelt und starrte beide an. Sie blickte von einem zum andern, fand aber keine Worte… ihr Mund öffnete sich, sie wollte losbrüllen und schreien, aber es kam nichts… nicht einmal ein leiser, kleiner Hauch ihres Atems… sie fühlte sich, als wäre sie in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen.
Sie hatte schon immer das Gefühl eigenartig gewesen zu sein, denn sie war um einiges kleiner, als ihr Bruder oder ihre Eltern und auch ihr Aussehen war anders. Im Gegensatz zu ihren Eltern und ihrem Bruder, die allesamt blond waren und blaue Augen hatten, war sie rothaarig und hatte grüne Augen.
Sie weiß nicht, wie lange sie so da stand, aber es kam ihr vor wie Stunden. Ihre Eltern hockten sich beide neben sie, denn so waren sie mit ihr auf Augenhöhe, und versuchten sie zu beschwichtigen. Doch Marla fuchtelte wild mit den Armen und stürzte sich in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und lies einen lauten, tiefsitzenden, markerschütternden und herzzerreisenden Schrei in ihr Kissen los.
Als sich Alessja und Rupert zu ihr gesellten um sie zu beruhigen setzte sich Marla auf und verlangte ein Erklärung des ganzen. Sie war ruhig und gelassen, denn sich aufzuregen brachte jetzt nichts, das wusste sie. Sie nahm die Hände ihrer Eltern, als diese zu erzählen begannen:
…vor genau 18 Jahren waren Alessja und Rupert unterwegs auf der Suche nach einem neuen zu Hause für sich und ihren Sohn Tore, denn ihr Heimatdorf wurde bei einem Überfall von Orks ganz zerstört. Nichts war mehr übrig und so verließen diejenigen, die überlebt hatten den Ort, um Richtung Westen weiterzuziehen.
Da der Reiseweg zum Teil schwer passierbar war, mussten sie auf einen kleinen Pfad ausweichen. Sie kamen an einer zerstörten Siedlung vorbei, erst wollten sie nicht anhalten um nachzusehen ob es noch überlebende gab, doch Tore sprang von dem Planwagen und lief ins Dorf. Alessja eilte ihm nach und konnte kaum glauben, was sie dort fand: eingehüllt in Leinen und Stoffe lag da ein kleines Bündel, das sich bewegte und als sie es hochnahm sah sie das kleine hilflose Mädchen und nahm es mit. Rupert und Alessja waren sich schnell einig sie zu behalten, denn sie hatten schon versucht ein zweites Kind zu bekommen, doch es klappte nicht und so hielten sie es für Gottesfügung und zogen die kleine wie ihre eigene Tochter auf, mit all ihrer Liebe und Hingabe, wie sie es einem leiblichen Kind geschenkt hätten.

Marla starrte beide an, bevor sie ihre Fassung wiederfand. Sie fiel den beiden weinend und schluchzend in die Arme. Lange saßen die drei einfach nur so da und hielten sich fest.
Alessja war es, die zuerst ihre Worte wiederfand und ihr sagte „du bist unsere Tochter und wir lieben dich überalles“. Rupert nickte und fügte noch hinzu „es ist in Ordnung, wenn du sauer und verletzt bist. Wir wollten es dir sagen, schon so oft, es tut uns leid, dass du es so erfahren musstest“. Verheult sah Marla auf und meinte weinerlich „ihr werdet immer meine Eltern bleiben, ich liebe euch!“

Dieses Gespräch lag jetzt genau fünf Tage zurück. Vor drei Tagen hatte sie sich auf den Weg gemacht, um nach Überlebenden ihres Clans zu suchen, die vielleicht ihre Eltern kannten und etwas über sie erzählen konnten. Sie wusste, dass es wahrscheinlich ewig dauern würde und ob sie überhaupt jemanden treffen würde, war fraglich, denn vielleicht gab es auch niemanden, der diesen Anschlag überlebt hat. Doch dies hielt sie nicht davon ab und außerdem war sie alt genug, um Abenteuer zu erleben oder neue und andere Leute kenn zu lernen und zu treffen. Vielleicht gab es ja woanders welche wie sie. Irgendwen, der genauso ‘klein‘ war wie sie.
Vor drei Tagen war sie losgelaufen, doch Tiefwasser, ihr erstes Ziel, war noch nicht in Sicht…